Kontroverser Clip: Die Edeka-Weihnachtswerbung. - © Screenshot: NW
Kontroverser Clip: Die Edeka-Weihnachtswerbung. | © Screenshot: NW

Kommentar Kommentar zum Weihnachtsclip von Edeka: Auf den (Sch)Leim gegangen

Edeka trifft mit Weihnachtsclip den Nerv der Netzgemeinde

Björn Vahle

Vielleicht erinnern Sie sich an die süße Bulldogge. Ich schon. Vor ein paar Jahren habe ich im Kino geschmunzelt, als ich sie knuffig sabbernd auf der Leinwand sah. Ein Text erklärte mir, dass wir Werbung mit Tieren lieber mögen, als ohne. Aber dass die wenigsten sich am Ende an das beworbene Produkt erinnern können. So wie ich. Die Dogge fand ich süß. Für welches Produkt der Spot geworben hat, weiß ich nicht mehr. Edeka hat nun eine neue Bulldogge gefunden: den alten Mann aus dem Werbeclip, der Weihnachten nur deshalb nicht noch einmal ohne seine offenbar vielbeschäftigte Familie erleben muss, weil er sie mit einer gefälschten Todesanzeige zum Essen an seinen Tisch lockt. Das Filmchen greift geschickt auf, worum es an Weihnachten geht. Emotionen, Familie, Verbundenheit. Das gibt uns ein gutes Gefühl. Aber das war es auch schon. Denn würde am Ende nicht das Edeka-Logo eingeblendet, der Spot könnte auch für die Telefonseelsorge oder ein Antidepressivum sein. Das Ziel der Filmemacher ist klar: Wir Konsumenten sollen mit Edeka ein gutes Gefühl verbinden. "Die gehen sogar mit so einem Thema sensibel um." Um die Produkte geht es nicht mehr. Es ist ein Spiel mit unserem Unterbewusstsein, fast schleimt sich der Film bei uns ein. So funktioniert Werbung heute. Doch sie sollte hinterfragt werden. Darum kann ich mit den überwiegend positiven Reaktionen der Netzgemeinde auch nichts anfangen. Hier mal ein Auszug aus dem Twitter-Fangesang: Diese #Werbung rührt zu #Tränenhttps://t.co/JV5c1D8chL via @WEBDEMagazine — WWInfos (@wwinfos) 28. November 2015 Ich finde Edeka hat ein super tolles #PR und #Marketing Team! Hut ab! #heimkommen hat mich zu Tränen gerührt! Ganz fantastisches #branding — K. Puschmann (@KPuschmann) 29. November 2015 Mutiger Werbespot von Edeka zu Weihnachten #heimkommenhttps://t.co/asM9xpUDgP — Jürgen Siebert (@Fontblog) 28. November 2015 Das klingt sehr danach, als hätten die Macher ihr Ziel erreicht. Dass es sich bei dem Film um Werbung handelt, die eine klare Absicht verfolgt, diese Meinung findet sich kaum. Das Perfide: Die Werbung hat sich weiterentwickelt. An diese (metaphorische) Bulldogge erinnere ich mich, verbinde etwas Gutes mit ihr. Und weil mir die Werbung nicht gleichzeitig noch das eigentliche Produkt um die Ohren haut, reicht das Edeka-Logo meinem Kopf, um die positive Verknüpfung herzustellen. Man kann das bewundern, die Macher für ihren tollen Film loben. Man kann aber auch darüber nachdenken, welche Bedeutung wir einer Werbung (!) heute beimessen. Manchmal wünsche ich mir, die Netzgemeinde, die sich so gerne als freidenkendes Konglomerat der Good Guys stilisiert, würde vor den Hype das Hirn setzen. Bleibt auf dem Teppich, eine Werbung wird die Welt nicht verändern. Das will sie auch gar nicht. Sie will uns verändern. Und scheinbar schafft sie das in einer Zeit am besten, in der wir uns für die selbstbestimmtesten Versionen unsererselbst halten. Ein trauriges Zeugnis.

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