Monumental: Das größte Exponat Aatifis im Mschatta-Saal (hier während der Eröffnung) kontrastiert mit einer Palastfassade aus dem 8. Jahrhundert. - © Jennifer Endom
Monumental: Das größte Exponat Aatifis im Mschatta-Saal (hier während der Eröffnung) kontrastiert mit einer Palastfassade aus dem 8. Jahrhundert. | © Jennifer Endom

Stern der Woche Explosive Farbigkeit

Werke des Bielefelder Künstlers Aatifi in Berlin: "News from Afghanistan" im Pergamonmuseum

Heike Krüger

Berlin. Schon der erste Eindruck ist von enormer Wucht: Zwei großformatige Gemälde, abstrakt-skripturale Kompositionen voller Leuchtkraft, Dynamik und Schwung, empfangen die Besucher im Treppenaufgang zum Museum für Islamische Kunst des Berliner Pergamonmuseums. Mit der Eröffnung einer großen Einzelausstellung in dem besucherstarken Haus hat der afghanisch-stämmige Bielefelder Künstler Aatifi (49) am Donnerstag so etwas wie seinen Ritterschlag erhalten. Drei Dutzend, teils eigens für die Schau "News from Afghanistan" geschaffene Werke sind bis zum 18. Oktober in dem renommierten Museum zu sehen. Mehr als zwei Jahre hatte sich der Maler, Grafiker und Kalligraph darauf vorbereitet. Doch die Wurzeln seiner Beschäftigung mit den Schriftzeichen seiner orientalischen Heimat reichen bis in die Kindheit zurück (siehe Kasten). In Berlin beeindrucken vor allem die großformatigen Acrylgemälde mit ihren weit geschwungenen Bögen in expressiver Farbigkeit, mit ihren Übermalungen, Pinselspuren und explosiven Farbspritzern, die den Prozess des Malens aufscheinen lassen. Die Kompositionen wirken fast dreidimensional, greifen Raum und Tiefe. Aber auch die kleineren Werke auf Papier - Tuschezeichnungen mit transparenten, einander überlappende Bögen und die Druckgrafiken - entfalten ihren Reiz. All das ist in der Hauptstadt inmitten des historischen Museums-Bestands zu sehen.1.250 Jahre Kulturgeschichte Eine Kombination, die Stefan Weber, Direktor des Museums für Islamische Kunst und Kurator der Schau, eigentlich für problematisch hält. Doch hier träten die zeitgenössischen Werke in einen spannenden Dialog mit den musealen Objekten, gerade weil kein inhaltlicher Bezug bestehe. "Es stehen einander Werke gegenüber, die rund 1.250 Jahre Kulturgeschichte umspannen. Sie verstärken einander in ihrer Wirkung noch", beschrieb Weber während der Eröffnung. Aatifi bediene sich traditioneller Formen, um sie dann radikal zu modernisieren. Die Kunst Aatifis sei an die Kalligraphie arabischer und persischer Schriftzeichen angelehnt, jedoch als völlig eigenständige, reduzierte Bildsprache zu verstehen. "Sie ist von Bedeutung befreit und kann deshalb völlig frei wirken", so Weber. Man habe es mit einem ästhetischen Statement zu tun, das von jedem Betrachter - gleich welcher Herkunft - verstanden und interpretiert werden könne. Für ihn sei es "eine große Freude", die Werke Aatifis in Berlin zeigen zu können, sagte der Direktor. Schon bei der Durchsicht der ersten Mappe vor einigen Jahren habe er sich spontan "in diese Ästhetik verliebt", bekannte Weber.Farbenpracht des Orients Die Farbenpracht des Orients explodiert nahezu auf den größten Werken. Hier dominieren Blautöne in vielen Varianten, die auf die Lapislazuli-Gewinnung in Aatifis afghanischer Heimat verweisen. Zwei der größten Exponate hängen an den Stirnseiten im Herzstück der Schau, dem Mschatta-Saal. Monumentale 3,80 mal 6 Meter misst das größte, das zum Transport nach Berlin in sechs Teile zerlegt werden musste. In direkter Nachbarschaft zur sandsteinfarbenen jordanischen Kalifenpalast-Fassade aus dem 8. Jahrhundert, leuchten teils 35 Zentimeter breite Schriftfragmente (für die der Künstler die Pinsel selbst anfertigte) in Blautönen und Magenta. Kleinere Arbeiten finden Platz im Buchkunst-Kabinett, ebenso zwei Vitrinen mit Malutensilien und Kalligraphiewerkzeugen aus Bambus. Zwei Videofilme, die der Künstler in Ostwestfalen herstellen ließ, sind informatives Pendant: ein Künstlerporträt, produziert vom Bielefelder Filmhaus, und ein Beitrag über die Kalligraphiekunst von Studierenden der Hochschule OWL. Aatifi erinnerte sich in seiner Eröffnungsrede an seinen ersten Berlin-Besuch nach der Übersiedlung aus Afghanistan. Beim Besuch der Museumsinsel habe er über den "gewaltigen kulturellen Reichtum dieses Landes" gestaunt. "Ich habe mich gefragt: Was kann ich hier wohl bewirken?" Eine Antwort dürfte in der Berliner Schau zu finden sein. In Anerkennung seiner Arbeit verleihen wir Aatifi unseren Stern der Woche. Eine Initiative der Neuen Westfälischen (NW), der Lippischen Landes-Zeitung (LZ) und des Haller Kreisblatts (HK).

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