Umjubelte Premiere von "Woyzeck" am Bielefelder Stadttheater

Musik vom Tom Waits

Wir sehen ihn eingezwängt zwischen ökonomischen Nöten und seinen Mitmenschen: Da ist der Hauptmann, dem er zu Diensten sein muss. Ein zynisches, dickbäuchiges, schmieriges Ekelpaket - von Guido Wachter bis in jede Faser überzeugend gezeichnet. Da ist der Doktor, der ihn für seine pseudowissenschaftlichen Experimente missbraucht. Thomas Wolff spielt ihn zum Gruseln überzeugend. Scheint da nicht bereits ein kommender Mengele durch? Doktor und Hauptmann - Chiffren für den herrschenden Stand - leben ihre Lust aus, den Erniedrigten noch weiter zu erniedrigen - Scheinhinrichtung inklusive.

Paraderolle für Zielmann

Der kämpft, will seine Familie durchbringen, die wahnhaften inneren Stimmen, die ihn peinigen, zähmen. Allein es gelingt ihm nicht. Seine Geliebte, Marie, entgleitet ihm, lässt sich nach anfänglichem Zögern mit dem Tambourmajor, diesem "ganzen Kerl" ein. Eine Paraderolle für John Wesley Zielmann, der sie förmlich lebt. Und Julia Friede kehrt sehr überzeugend die schweren inneren Konflikte Maries nach außen. Erschütternd die Szenen zwischen ihr und Woyzeck in einem von Annette Breuer geschaffenen Bühnenbild, das dieTristesse noch verstärkt. Hunderte Klamotten hängen unter der Bühnendecke. Symbole gelebten Lebens. Mittendrin Woyzeck. Sein Rennen und Rasen wird durch Filmeinspielungen noch verstärkt. Keine Ruhe, nirgends. Auch sein Kumpel Andres - Lukas Graser spielt ihn herrlich prollig - kann ihm nicht helfen. Stark auch Charlotte Puder als Margarete und Oliver Baierl als Ausrufer.

Es ist eine triebhafte Welt, die sich da auf der meist schräg gestellten Bühne vor dem Publikum entfaltet. Eine Welt, in der alle miteinander ringen, eine Welt, die auf die Katastrophe zusteuern muss. Obsessionen, Wahnsinn, Triebe regieren. "Wild, geil, spannend", hat Tom Waits genannt was sich da vor den Zuschauern entfaltet. Und in der Tat, es wird einem bang um diese Welt, wenn Woyzeck seiner Marie hoch oben über der Bühne die Kehle durchschneidet, die Klamotten parallel dazu hinabstürzen, sie von der Decke herab baumelt wie ein geschlachtetes Vieh und dazu ein bittersüßes Lied von Tom Waits erklingt. Eine Welt liegt in Fetzen. Es gibt keinen Halt. Nur Trümmer bleiben. Hinter dem eisernen Vorhang lacht Margarete ihr bitterböses Lachen weiter. Mensch, was für ein Abgrund.

Tosender, minutenlanger Applaus für eine mutige Inszenierung. Was für ein gelungener Saisonauftakt. Was für ein Versprechen auf Kommendes.

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