Der Anarchist Erich Mühsam wurde 1934 von den Nazis im KZ Oranienburg ermordet. - © FOTO: DPA
Der Anarchist Erich Mühsam wurde 1934 von den Nazis im KZ Oranienburg ermordet. | © FOTO: DPA

Berlin "Alles Fürchterliche ist entfesselt"

Erich Mühsams Tagebücher von 1914 als beeindruckende Weltkriegschronik

Berlin. Zeit seines Lebens hat Erich Mühsam Tagebuch geschrieben. Seit zwei Jahren wird dieses 7.000 Seiten umfassende Werk vom Berliner Verbrecher-Verlag Band um Band in einer beeindruckenden Edition publiziert, die am Ende 15 Bände umfassen soll. Minutiös nachvollziehbar wird darin das Leben des Autors, Bohemiens und Anarchisten.

Sichtbar wird, wie der 1878 in Berlin Geborene seine Überzeugungen lebt, wie er liebt und beinahe jeder Frau nachsteigt, die Konventionen verachtet, zum Literaten und führenden Anarchisten aufsteigt, sich durch München trinkt und von permanenter Geldnot geplagt auch bereit ist, eine Dame von Stand zu heiraten, um sich monetär abzusichern.

Information

Der Autor und seine Tagebücher

    
Die Tagebücher von Erich Mühsam erscheinen seit zwei Jahren im Berliner Verbrecher-Verlag. Geschrieben hat der Autor sie zwischen 1910 und 1924. 35 von insgesamt 42 Heften sind erhalten geblieben.
Bis 2018 soll die Edition der kompletten Tagebücher mit insgesamt 15 Bänden abgeschlossen sein.
Der Verlag stellt die Tagebücher parallel zur Buchausgabe auch ins Internet unter der Adresse www.muehsam-tagebuecher.de. Dort ist auch die handschriftliche Fassung verfügbar. Zusätzlich ist die Internet-Ausgabe versehen mit einem umfassenden Namensregister und einer Kommentierung, an der die Leser selbst mitarbeiten können.
Der Dichter, Anarchist und Antifaschist Erich Mühsam wurde 1878 in Lübeck geboren. 1934 wurde er von den Nazis im KZ Oranienburg ermordet.(ram)

      

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Jetzt liegt Band 3 für den Zeitraum 1912 bis 1914 vor. Ein ganz besonderer Band. Denn am 1. August 1914 bricht der Erste Weltkrieg aus – und Mühsams Tagebuch setzt nach 20-monatiger Pause nicht nur wieder neu ein, sondern wird zu einer "Weltkriegschronik". Wie in einer Art Liveticker können wir miterleben, wie der Krieg das Leben der Menschen umstürzt, wie der Anarchist und Antimilitarist Erich Mühsam hin- und hergerissen wird zwischen Kriegsablehnung und -zustimmung inmitten des herrschenden HurrarPatriotismus. Ein zähes Ringen eines intellektuellen Kopfes mit sich selbst.

Die Götter rasen

Sein Kriegstagebuch setzt ein in der Nacht vom 3. auf den 4. August 1914. Der Dichter, der in der Münchner Bohéme zu Hause ist, notiert: "Es ist 1 Uhr nachts. Der Himmel ist klar und voll Sternen, aber über die Akademie ragt der Rand einer weißen, in dicken Schichten gehäuften Wolke, in der es unaufhörlich blitzt. Unheimlich grelle, lang sichtbare, in horizontaler Linie laufende Blitze. Und es ist Krieg. Alles Fürchterliche ist entfesselt. Seit einer Woche ist die Welt verwandelt. Seit 3 Tragen rasen die Götter. Wie furchtbar sind diese Zeiten! Wie schrecklich nah ist uns allen der Tod!"

Worte, die noch heute nachempfinden lassen, mit welcher Wucht der Krieg in sein Leben einbricht. Und es sogleich ins Schwanken bringt. Der Kriegsgegner, der Antimilitarist, der den Krieg immer verurteilt und vor dem Zusammenbruch von Zivilisation und Kultur durch kriegerische Auseinandersetzung gewarnt hat, notiert mit einer gewissen Selbstverwunderung: "Und – ich, der Anarchist, der Antimilitarist, der Feind der nationalen Phrase, der Antipatriot und hassende Kritiker der Rüstungsfurie, ich ertappe mich irgendwie ergriffen von dem allgemeinen Taumel, entfacht von zorniger Leidenschaft, wenn auch nicht gegen etwelche ,Feinde‘, aber erfüllt von dem glühend heißen Wunsch, daß ,wir‘ uns vor ihnen retten! Nur: wer sind sie – wer ist ,wir‘?"

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