Düsseldorf Grimme-Preis an "Switch Reloaded" und "Tatortreiniger"

Der Dschungel bleibt draußen

Grimme-Preis an "Switch Reloaded" und "Tatortreiniger" - © Kultur
Grimme-Preis an "Switch Reloaded" und "Tatortreiniger" | © Kultur

Düsseldorf. Das Grimme-Institut hat die Gewinner des abgelaufenen Fernsehjahres verkündet. Wer ob der Nominierung des Dschungelcamps um Ernst und Ansehen des renommierten Preises fürchtete, darf sich entspannen.

Plötzlich platzt es aus Claudia Michelsen heraus. Ihrer Ansicht nach "wird das deutsche Fernsehpublikum konstant unterschätzt", sagt die Schauspielerin, nachdem die Jury des Grimme-Preises den ARD-Zweiteiler "Der Turm" zu einem der diesjährigen Gewinner ausrief. Michelsen reiste stellvertretend für das Ensemble nach Düsseldorf und echauffiert sich nun trotz Freud und Ehr über die Worte des Institutschefs. Um Qualitätsproduktionen nicht in der Nacht zu versenden, sind für Uwe Kammann "die Zuschauer in der Holschuld". Es bleibt die einzige Kontroverse an diesem Mittag in der nordrhein-westfälischen Landesanstalt für Medien.

Information

Grimme-Preis

  • Mit dem Preis werden TV-Produktionen gewürdigt, die "die spezifischen Möglichkeiten des Mediums Fernsehen auf hervorragende Weise nutzen und nach Inhalt und Methode Vorbild für die Fernsehpraxis sein können".
  • Es gibt drei Kategorien: Unterhaltung, Information und Kultur sowie Fiktion.
  • Stifter des seit 1964 jährlich in Marl verliehenen Preises ist der Deutsche Volkshochschul-Verband.


Parodist Max Giermann wird stellvertretend für das Ensemble von "Switch Reloaded" prämiert. - © FOTO: DPA
Parodist Max Giermann wird stellvertretend für das Ensemble von "Switch Reloaded" prämiert. | © FOTO: DPA

Weitere dürften auch in zwei Wochen kaum zu erwarten sein, wenn das Grimme-Institut seinen renommierten Preis verleiht. Was hatte die Nominierungskommission für Tohuwabohu verursacht, als sie das Dschungelcamp auf die Vorauswahlliste setzte. Zuschauer und Kritiker waren entrüstet, die Jury mindestens erstaunt. Am Ende sollte es für die überaus erfolgreiche RTL-Show "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus" nicht reichen, was Jury-Chef Gerd Hallenberger pointiert zusammenfasst: "Jenseits des guten Handwerks" sehe er in der umstrittenen Produktion "nur einen sarkastischen Kommentar zur deutschen Arbeitsmarktpolitik der vergangenen zehn Jahre", wonach jeder Job zumutbar sei.

Anzeige

Weitere Preisträger

Weniger exaltiert äußert sich Institutsdirektor Kammann aus Bünde über die Gewinner. Mit der Folge "Schottys Kampf" aus der NDR-Serie "Der Tatortreiniger" habe es das Team um Darsteller Bjarne Mädel vermocht, "Neonazi-Vereine ihrer Lächerlichkeit preiszugeben, ohne sie zu verharmlosen". Ähnlich korrekt bewertet er die Spezialausgabe zu "Wetten, dass..?" von "Switch Reloaded" (ProSieben): Durch präzises Spiel habe das Ensemble dem Zuschauer einen Blick hinter die TV-Kulissen verschafft. Max Giermann, einer der Geehrten am Tisch, schiebt nach, wie schwer es sei, einen kantenlosen Charakter wie Markus Lanz zu parodieren. "Da mache ich lieber den Kahn." Doch freilich profitiere er auch von der Durchschnittsware.

Weit darüber liegt für die Jury des Grimme-Preises der ZDF-Film "Der Fall Jakob von Metzler", der "ein empathisches Plädoyer für die Würde des Rechtsstaats" sei. Die anderen drei Preise im Genre Fiktion verleiht das Institut an "Der letzte schöne Tag" (ARD/WDR), "Das Ende einer Nacht" (ZDF) und "Add a Friend" (TNT Serie). Die erste von einem deutschen Pay-TV-Sender produzierte Serie erzähle "im lakonischen Ton" wie die Digital Natives, die Vernetzten, "im und mit dem Netz leben, lieben und leiden". Mit dem Votum ist auch die Jury auf der Höhe der Zeit.

Überdies erhalten "Seelenvögel" (ARD/WDR) von Thomas Riedelsheimer, "Ein deutscher Boxer" (ARD/NDR/SWR) von Eric Friedler, "Vaterlandsverräter" (ZDF/ARTE) sowie die Reihe "Lebt wohl Genossen" (ZDF/ARTE/RBB) die Preise in der Kategorie Information & Kultur. Bettina Braun darf sich für ihre Langzeitbeobachtung von drei jungen Kölner Zuwanderern in "Was lebst du? - Was du willst - Wo stehst du?" über einen Sonderpreis freuen.

Indes verstand es Michelsen vor ihrer Eloge auf das Publikum, bildhaft zu skizzieren, wie es sich während der Dreharbeiten zu "Der Turm" denn anfühlte. Für sie, die Dresdnerin, schien es wie in früher Zeit: "Wir konnten den Osten riechen."

Anzeige

Copyright © Neue Westfälische 2015
Texte und Fotos von nw.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Teilen

Kommentare

Kommentare sind für diesen Artikel deaktiviert.

Anzeige
Anzeige
realisiert durch evolver group