Edgar Selge: "Zensieren ist nicht mein Ding"

Der Schauspieler im Interview über Weihnachtsrituale und "Stille Nacht" im Jugendknast

Edgar Selge: "Zensieren ist nicht mein Ding" - © Kultur
Edgar Selge: "Zensieren ist nicht mein Ding" | © Kultur

Berlin. Sie gehören zu Weihnachten wie Plätzchen und Lametta: Die stimmungsvollen Märchenfilme, die das Erste alljährlich an den Feiertagen unter dem Titel "Sechs auf einen Streich" zeigt. Den Auftakt macht in diesem Jahr die sehenswerte Adaption von "Rotkäppchen" mit Charakterdarsteller Edgar Selge (64) in der Rolle des großen bösen Wolfs. Cornelia Wystrichowski sprach mit dem gebürtigen Herforder über seine Rolle als böser Wolf, Weihnachtsrituale in einer Künstlerfamilie und "Stille Nacht" im Jugendknast.

Herr Selge, in der Märchenverfilmung "Rotkäppchen" spielen Sie den bösen Wolf. Hatten Sie als Kind Angst vor der Figur?
EDGAR SELGE:
Ich hatte Angst vor Hunden, weniger vor dem Wolf. "Rotkäppchen" war auch nicht unbedingt mein Lieblingsmärchen, meine bevorzugten Märchen waren andere.

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Welche denn?
SELGE:
Mit den Märchen ist es wie mit anderen Dingen auch – zu verschiedenen Zeiten im Leben ändern sich die Interessen. Als Kind mochte ich den "Eisenhans" besonders gerne. Der saß in einem Käfig, wurde vom Königssohn befreit und nahm ihn mit in den Wald. Das fand ich aufregend, darin steckte für mich die Attraktivität des Erwachsenwerdens und gleichzeitig die Angst davor. Heute dagegen schlage ich immer erst das Märchen über die Blutwurst und die Leberwurst auf, seit ich als Erwachsener bei einem Grimm-Abend mit dem Schauspieler Bernhard Minetti davon gehört habe.

Der Schauspieler Edgar Selge. - © FOTO: DPA
Der Schauspieler Edgar Selge. | © FOTO: DPA

Was hat Sie an der Rolle als Wolf gereizt?
SELGE:
Ich bekam zunächst eine Anfrage: Die Drehbuchautoren wollten wissen, ob ich gerne den räudigen Wolf spielen würde, weil sie der Ansicht waren, dass das so gut zu mir passt, dass sie mir die Rolle gerne auf den Leib schreiben wollten. Das fand ich sehr lustig.

Haben Sie am bösen Wolf, der Rotkäppchen nachstellt und die Großmutter frisst, auch eine liebenswerte Seite entdeckt?
SELGE:
Durchaus. Ich finde, das ist ein alter Wolf, der ausgestoßen ist aus seinem Rudel und für den es schwer ist, überhaupt noch jemanden zu finden, dessen Vertrauen er gewinnen kann, damit er ihn dann fressen kann. Das ist doch eine nachvollziehbare Situation, oder? (lacht)

Heutzutage denkt man bei bösen Tieren ja eher an Finanzhaie und Börsenheuschrecken. Was genau symbolisiert der böse Wolf heute?
SELGE:
Der böse Wolf steht für eine existenzielle Bedrohung, die jedes Kind fühlt, schon allein wegen seiner geringen Größe und der Unberechenbarkeit von Erwachsenen, die ihre Interessen verbergen, nicht so offen sind, wie es Kinder vielleicht brauchen. Märchen sind dazu da, diese Erfahrungen von Angst aufzugreifen und zu einem guten Ende zu führen. Damit geben sie dem Kind die Möglichkeit, mit Gefährdungen gelassen umzugehen.

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