Hannelore Hoger wechselt in ihrer Lesung die Stimmungen wie die Briefe. - © FOTO: MARIA FRICKENSTEIN
Hannelore Hoger wechselt in ihrer Lesung die Stimmungen wie die Briefe. | © FOTO: MARIA FRICKENSTEIN

Bielefeld Hannelore Hoger las im Bielefelder Stadttheater

Zeugen des Abschieds - Aus der Briefesammlung Sibylle Bergs

Bielefeld. Was sie verbindet, ist ein Abschied und ein Brief, der für diesen Schlussstrich zeugt. Im Stadttheater las die Schauspielerin Hannelore Hoger traurige, ironische, dankbare Abschiedsbriefe von Frauen an ihre Geliebten oder Ehemänner. Siegfried Gerlich begleitete sie am Flügel mit Werken von Schumann, Debussy und Chopin.

Hannelore Hoger schöpft aus der Briefe-Sammlung "Und ich dachte, es sei Liebe" der Schriftstellerin Sibylle Berg. Den ältesten Brief schrieb Anne Boleyn 1536, Ehefrau Heinrichs VIII., der sie später enthaupten ließ. Die jüngsten Abschiede sind aus dem Jahre 2005. Ein vornehmlich weibliches Publikum empfing die Theater- und Filmschauspielerin. Bereits mit 14 Jahren betrat die Hamburgerin die Bühne, spielte unter großen Regisseuren wie Peter Zadek und Alexander Kluge und ist als Kommissarin Bella Block bestens bekannt.

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Zum Auftakt spricht und singt die Grande Dame das Chanson, das der Sammlung ihren Namen gab, ein Lied der französischen Chansonsängerin "Barbara". Gerade recht dafür ist Hogers markante rauh-herbe Stimme, mit der sie die Nuancen zwischen Nein, Vielleicht und Ja auslotet. Hoger fühlt sich dank ihres schauspielerischen Könnens und auch aufgrund ihrer Lebenserfahrung sensibel hinein in die Stimmungslage der zweifelnden, zornigen, ironischen, auch dankbaren Frauen, wechselt die Stimmungen wie die Briefe.

"Ernie, lieber Junge"

"Ich beginne mit Simone de Beauvoir", sagt Hoger, nennt kurz die biografischen Eckdaten und liest. 1950 schrieb die Feministin und Schriftstellerin Beauvoir zärtlich an Nelson Algren, einem amerikanischen Schriftsteller. Verwundert darf man über die Liebe zwischen Agnes von Kurowsky an Ernest Hemingway sein. "Ernie, lieber Junge", spricht sie ihn an. "Es sind eher die Gefühle einer Mutter" benennt sie 1919 den Grund für die Trennung. Um Vergebung bittet sie und kündigt geradeaus noch die Hochzeit mit einem Millionär an.

"Gib mich frei, Otto", bittet die expressionistische Malerin Paula Modersohn-Becker 1906 ihren Ehemann. Die englische, heftig verliebte Schriftstellerin Dorothy L. Sayers bleibt 1924 ihrem Liebhaber John Cournes gegenüber gönnerhaft bissig: "Du kannst dies gern in deinem Buch verwenden." Die französische Romanschriftstellerin Anais Nin gibt sich selbstbewusst, sieht sich selbst als die größte Liebhaberin der Welt, als die meistgeliebte aller Frauen, die keine Zeit für leblose Beziehungen vergeuden will. "Mit dir auszugehen ist wie mit einem Priester auszugehen", bescheinigt sie ihrem Liebhaber C. L. Baldwin 1945 und damit das Aus der Beziehung.

Hoger zuzuhören macht Spaß, denn sie findet den rechten Ton. In der zweiten Hälfte steigerte sie sich zusehends. Waren die Briefe authentisch, so sind Kurt Tucholskys Texte immer noch ein Knaller, voll mit Aberwitz, Ironie, reine Satire. Hoger reizt den Text sprachlich und gestisch aus, sei es den Zwillingsdialog im "Colloquium in utero" oder "Lottchen beichtet 1 Geliebten", in dem Lottchen erst nach und nach ihr Geheimnis preisgibt: "Na, das eine Mal", beichtet sie, inklusive aller Flunkerei. Hoger beweist Humor und Improvisationstalent, als sie den zweiten Teil der Zugabe nicht findet und dem Zettelchaos mit Loriots "Frühstücksei"-Sketch einen Ersatz abtrotzt. Hannelore Hoger ist ein Garant für einen gelungenen Abend.

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