Szene aus dem am Samstag am Theater Bielefeld uraufgeführten Tanzabend "Identity 2.0" - © FOTO: LIOBA SCHOENECK
Szene aus dem am Samstag am Theater Bielefeld uraufgeführten Tanzabend "Identity 2.0" | © FOTO: LIOBA SCHOENECK

Bielefelder Tanzabend "Identity 2.0" entführt in die digitale Scheinwelt

Unsere virtuelle Existenz

Bielefeld. Was sind die Verheißungen der digitalen Welt, dass sie uns dazu bringt, derart viel von uns preis zu geben? Worin liegt die Faszination am ständigen Online-Sein, Mailen, Posten, am Facebook-Profil feilen? Was macht unsere Existenz im Netz mit unseren analogen Beziehungen, wo verläuft der Graben zwischen den Digital Natives und ihren Altvorderen? Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich das Bielefelder Tanztheater des Themas annehmen würde. Am Wochenende legten Gregor Zöllig, Christine Biedermann und ihr Ensemble mit "Identity 2.0" eine durchaus plakative Positionsbestimmung vor.

Dass diese Neuproduktion in ihrem Gesamteindruck eher zur zivilisationskritischen Betrachtung gerät als zur differenzierten Analyse, die auch die Segnungen von Internet und Co. herausarbeitet, ist schlüssig: Kunst muss nicht abwägen und auch nicht vollständig sein. Sie darf und sollte sogar Flagge zeigen. So bieten die Einblicke in unseren digitalen Alltag Entlarvendes, Vertrautes, auch humoristisch Zugespitztes. All das in einer Ausstattung von Hank Irwin Kittel, die dieses Mal besonders dominant den Inhalt transportiert – mit gelungenen Einfällen und Kommentierungen.

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 Die grelle Lichtschiene in Bühnenbreite etwa, die angelehnt an die Lichtimpulse eines Fotokopierers so manche Szenerie zur trügerischen Blaupause der Realität geraten lässt. Ein wahrer Kunstgriff auch die im Verlauf des Tanzstücks dichter werdenden Netze. Keine flexiblen Verknüpfungen, eher statische Klettergerüste, in denen sich die Akteure zu verlieren drohen. Es gibt allzu nahe liegende Interpretationen, aber auch starke Momente in diesem als Collage angelegten Tanzabend: die streng durchchoreografierte Formation mit allen Akteuren etwa, liegend vor der bunten Flimmerwelt ihrer Laptops.

 Sie verharren der Wirklichkeit entrückt, bis ihre Körper von der virtuellen Welt absorbiert werden. "Wer bin ich und wenn ja, wie viele" scheinen sich die Tänzer zu fragen, während sie eifrig Kopien von sich anfertigen und massenhaft in die Welt blasen. Dazwischen jene, die immer noch versuchen, sich ein Bild von einem Menschen zu machen, die fast verzweifelt die Fetzen eines zerrissenen Portraits zusammensetzen. Andere bewältigen den Datenwust (und die Personen) radikal mit dem Laubbläser, um ihn dann wie vertrocknetes Laub zu entsorgen.

Schauspiel und Tanz verschmelzen, wenn sich die Tänzer wie in einem Facebook-Profil vorstellen, sich dann aber kein Bezug zur realen Person herstellen lässt. Um Illusionen geht es, um Peinlichkeiten, große und kleine Lügen, die überzogenen Erwartungen einer exhibitionistischen Scheinwelt. Während sich Dirk Kazmierczak gerade noch vor einer stetig größer werdenden Traube von Handyfotografen verbal entblöß, hockt Brigitte Uray verlassen da, inmitten der Geschwätzigkeit des virtuellen Grundrauschens: "Hallo, ist da jemand?"

Wer Zuwendung braucht zur Unzeit, wird einfach weggeklickt, Beziehungen per SMS beendet oder auf den Austausch von Algorithmen reduziert: unverbindliche, flüchtige Begegnungen in ständiger Reizüberflutung.

Ein eindrucksvolles Schlussbild - im mehrere Meter hohen Metallnetz verlieren sich die kletternden Akteure – entlässt die Zuschauer mit der Erkenntnis, dass wir darauf achtgeben müssen, immer noch das Netz zu beherrschen. Und nicht umgekehrt. Viel Applaus und Bravorufe für die variantenreiche tänzerische Umsetzung eines hochaktuellen Themas.

Weitere Vorstellungen: 31.3., 11., 22.4., 27.4. (Gastspiel in Minden), 18., 20., 31.5., 13.6. Kartentelefon: (0521) 51 54 54, www.theater-bielefeld.de
     

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