Falschmeldung: Die Deutsche Presse Agentur zog nach Bekanntwerden des PR-Gags umgehend Meldungen und Bilder zur Pistenraupe (hier ein Bild aus Sachsen) zurück. - © dpa
Falschmeldung: Die Deutsche Presse Agentur zog nach Bekanntwerden des PR-Gags umgehend Meldungen und Bilder zur Pistenraupe (hier ein Bild aus Sachsen) zurück. | © dpa

Seefeld Falsch gelieferte Seefelder Pistenraupe ist PR-Gag

Wie ein Tourismusverband aus Österreich die deutsche Medienlandschaft narrt

Seefeld. Bundesweite Schlagzeilen hatte die Meldung am vergangenen Mittwoch ausgelöst: Versehentlich hatte der Fahrer eines österreichischen Transportunternehmens eine Pistenraupe ins schleswig-holsteinische Seefeld statt ins Tiroler Seefeld geliefert.

Im flachen und aktuell noch schneearmen Norden Deutschlands war das Kettenfahrzeug zur Präparierung von Skipisten äußerst fehl am Platze und löste nationale Belustigung aus. Doch jetzt ist klar: Die ganze Geschichte ist lediglich eine PR-Aktion des Tourismusverbandes (TVB) aus dem österreichischen Seefeld. Und eine Blamage für viele deutsche Medienunternehmen.

Neue Pistenbullys für die Olympiaregion Seefeld in Tirol - wie kriegt man das nett vermarktet? Indem man die Fahrzeuge in ein anderes Seefeld transportiert, dafür 1.500 Kilometer Umweg in Kauf nimmt. Und daraus einen Facebookfilm dreht, den der Chef des Tourismusverbands lediglich auf seiner privaten Facebookseite veröffentlicht. "Es sollte eine kleine virale Aktion werden, weil es kaum etwas gibt, was unsexier zu vermarkten ist als eine Pistenraupe", sagt Elias Walser. "Mit diesem Riesenecho haben wir natürlich längst nicht gerechnet." Zumal das Ganze streng geheim war, weder wurde eine Pressemitteilung verschickt, noch jemand außerhalb des Verbandes eingeweiht - nicht mal Seefelds Bürgermeister, Werner Frießer.

Doch dann kamen die Dinge - im wahrsten Sinne des Wortes - ins Rollen. Zunächst berichtete die Tiroler Tageszeitung über den angeblichen Irrtum von Speditionsfahrer "Zlatko J.". Dann griffen deutsche Medien, darunter auch die Bild-Zeitung, Spiegel Online, die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Deutsche Presseagentur(dpa) die Geschichte auf. Auch auf nw.de war sie zu lesen.

"Wir arbeiten seit Jahrzehnten gut mit der Deutschen Presseagentur zusammen, die alle Meldungen sehr gut recherchiert", sagt Annika Falk-Claußen, Leiterin der Digital-Redaktion von nw.de. "Aber wir sind klar in der Pflicht, alle Geschichten selbst kritisch zu hinterfragen." Doch wenn Journalisten bewusst belogen würden, um eine PR-Aktion im Netz zu verbreiten, sei eine Grenze erreicht.

"Falsche Bestätigung bekommen"

Und dass Tourismusverbandschef Walser gelogen hat, steht für die dpa fest. "Natürlich ärgern wir uns sehr über die Sache", sagt Pressesprecher Chris Melzer auf Anfrage von nw.de. "Aber wir haben drei Mal beim Chef des Tourismusverbandes Seefeld nachgefragt, ob die Geschichte so passiert ist. Und haben drei Mal eine Bestätigung bekommen." Zudem habe es das Foto gegeben, auf dem ganz klar Pistenraupe und Ortskennzeichen zu sehen gewesen seien. "Da gab es auf unserer Seite einfach nicht mehr genug begründete Zweifel am Wahrheitsgehalt. Zumal es sich hier um eine nette Meldung handelt und nicht um die Belagerung von Aleppo."

Tourismusverbands-Chef Walser bestreitet dagegen, die Geschichte rückhaltlos bestätigt zu haben. "Ich habe nie bestätigt, dass die Geschichte zu 100 Prozent so stimmt. Ich bin einfach immer nur ausgewichen. Und habe auf eine virale Kampagne verwiesen." Gewundert habe er sich, dass viele Journalisten seine Statements, also die Nennung nur einer Quelle, als ausreichende Grundlage für eine Berichterstattung akzeptiert hätten.

Sigrun Müller-Gerbes, Redakteurin der Neuen Westfälischen und Mitglied im Deutschen Presserat, sieht Walsers Verhalten kritisch. "Natürlich haben es die Kollegen richtig gemacht, die noch andere Quellen recherchiert haben. Aber es ist ein Unding, wenn sich Journalisten nicht mehr auf die Aussagen von Verbänden verlassen können, die Seriösität für sich in Anspruch nehmen."

Und so passiv, wie Walser es darstellt, haben sich die Mitarbeiter des Tourismusverbandes und der Werbeagentur auch keineswegs verhalten. Mehrfach sprachen sie mit deutschen und österreichischen Medien, taten nichts, um die Geschichte aufzuklären. Laut bild.de haben sich Mitarbeiter der Werbeagentur als Leser ausgegeben, die das Foto von der Pistenraupe zufällig aufgenommen und an den Verlag geschickt hätten.

Allerdings gibt es auch ein Beispiel, das in die andere Richtung geht. Der NDR verließ sich nicht nur auf eine Quelle, forschte nach, verlangte von Walser den Namen des Speditionssprechers - und fand schnell heraus, dass die angegebene Personalie nicht stimmte. Einen Karl Royer gab es zwar, der war aber Chef der Werbeagentur SR 1. Und die wiederum sollte den Werbeclip für den Pistenbully drehen. Wegen Ungereimtheiten wie diesen verzichtete der NDR auf eine Berichterstattung.

Kritik am Facebook-Journalismus

Die dpa hingegen zog Meldungen und Bilder zurück, als der PR-Gag aufflog und grantelt im Nachhinein auf Twitter, wobei man auf die falschen Bestätigungen vom Tourismusverband verweist:


Tourismusverbands-Chef Walser sieht die Geschehnisse trotz aller Vorwürfe gelassen und hat im Gespräch am Telefon ein unüberhörbares Schmunzeln in der Stimme. Er nimmt den Vorfall aber auch als Anlass, Kritik am Mediengeschäft zu üben. "80 Prozent der Journalisten, die mich angerufen haben, haben einen perfekten Job gemacht. Die, die es nicht getan haben, schreien jetzt am lautesten. Für die Ersteren tut es mir leid, dass jetzt in den sozialen Netzwerken so Stimmung gegen sie gemacht wird. Insgesamt muss man sich in meinen Augen aber überlegen, ob man im Journalismus nicht etwas relaxter mit Facebook-Phänomenen umgehen sollte, anstatt sie immer blitzschnell zu befeuern."

Seefeld, also das richtige Seefeld in Tirol, ist übrigens ebenfalls im Ausnahmezustand. Der Bürgermeister, laut Walser ebenfalls nicht eingeweiht, sei heilfroh über den guten Ausgang der Geschichte. Und über Anfeindungen seiner eigenen Person kann Walser lachen. "Ich bin erst seit Juli im Amt. Die Tiroler Tageszeitung hat bereits meinen Kopf gefordert. Aber jetzt ist ja alles gut ausgegangen." Und so heißt es auf der Facebookseite des Tourismusverbands leutselig: "Ein herzliches Dankeschön an alle Mitwirkenden, die bis zum heutigen Tag der Geheimnislüftung durchgehalten und Stillschweigen bewahrt haben. Am Ende der Geschicht, bleibt ein Lächeln im Gesicht."

Fragt sich nur, auf wessen Gesicht. Auf dem vieler Journalisten mit Sicherheit nicht.

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