Experten haben am Telefon Fragen rund um das Thema Pflege beantwortet. - © picture alliance / Christophe Gateau/dpa
Experten haben am Telefon Fragen rund um das Thema Pflege beantwortet. | © picture alliance / Christophe Gateau/dpa

Lesertelefon Antworten von Experten: Was tun, wenn die Liebsten zum Pflegefall werden?

Für die Versorgung alter oder kranker Menschen gibt es Unterstützung von vielen Seiten. Wichtig ist, sich rechtzeitig um Hilfe zu kümmern.

Bielefeld. Oftmals brauchen Menschen schon Hilfe, sind sich aber nicht sicher, ob sie deshalb Leistungen der Pflegeversicherung in Anspruch nehmen können. Wie sollte man vorgehen, um das zu klären? Was kann man als Bedürftiger von der Pflegekasse überhaupt erhalten? Auf solche und weitere Fragen antworteten an den Lesertelefonen Silke Pitschke-Schumacher von der Compass-Pflegeberatung, Andreas Schwarz von der AOK Nordwest und Inken Linneweber von der Pflegeberatung der Stadt Bielefeld.

Unser Vater lebt allein. Er hat noch keine Pflegegrad. Aber jetzt braucht er schon Hilfe beim Anziehen und Duschen. Einkaufen schafft er auch nicht mehr. Wie kommt er an Leistungen der Pflegeversicherung?

Zunächst sollte Ihr Vater einen Antrag auf Pflegeleistungen bei seiner Pflegekasse stellen. Diese beauftragt den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) beziehungsweise, wenn Ihr Vater privat versichert ist, medicproof mit der Begutachtung Ihres Vaters im häuslichen Umfeld. Danach wird auf der Grundlage des erarbeiteten Gutachtens ein entsprechender Pflegegrad zuerkannt. Ihr Vater kann wählen, ob er Pflegegeld, Sachleistungen oder eine Kombination aus beidem in Anspruch nimmt. Das Pflegegutachten wird ihm automatisch zugesandt.

Mein Onkel hat Pflegegrad 1, aber der zusätzliche Entlastungsbetrag ist noch nicht auf seinem Konto.

Diese zusätzliche Entlastungsleistung wird auch nicht wie etwa Pflegegeld aufs Konto des Pflegebedürftigen gezahlt. Es handelt sich bei den 125 Euro monatlich vielmehr um einen so genannten Entlastungsbetrag, der im Nachhinein von der Pflegekasse erstattet werden kann. Das heißt, in dieser Höhe können Leistungen, die nach Landesrecht anerkannte Dienste erbringen, mit der Pflegekasse verrechnet werden. Auch jeder zugelassene Pflegedienst darf diese Leistungen erbringen. Inhaltlich kann es sich dabei um hauswirtschaftliche Hilfe handeln, um Begleitung zum Arzt oder zu anderen Terminen, um Hilfe beim Einkaufen oder einfach um Spazierengehen oder Vorlesen. Personen mit Pflegegrad 1 können den Entlastungsbetrag auch für Aufwendungen aus dem Bereich der Selbstversorgung einsetzen, wie zum Beispiel Hilfestellung beim Duschen.

Derzeit bin ich zum Probewohnen im Altenheim. Es gefällt mir ganz gut, kostet aber einiges. Müssten meine Enkelkinder etwas dazu geben, wenn das Geld einmal nicht mehr reicht?

Nein, Enkelkinder sind nicht in der Unterhaltspflicht.

Ich habe vor, Mitglied einer Pflege-WG zu werden. Muss man da auch einen Mietvertrag unterschreiben? Und was gibt es eigentlich von der Pflegekasse an Zuschüssen?

Ja, man unterschreibt üblicherweise eine Mietvertrag wie in jeder WG. Und wenn sich mindestens drei pflegebedürftige Personen in einer Wohngruppe zusammenfinden, können alle drei bei ihrer Pflegekasse einen Antrag auf eine einmalige so genannte Anschubfinanzierung in Höhe von jeweils 2.500 Euro stellen. Außerdem können alle drei Bewohner zusätzlich zum Pflegegeld, zu Pflegesachleistungen und/oder zum Entlastungsbetrag oder sonstigen Leistungen den so genannten Wohngruppenzuschlag beantragen. Das ist eine Pauschale in Höhe von 214 Euro im Monat. Diese Pauschale erhalten auch Pflegebedürftige mit Pflegegrad 1. Voraussetzung ist, dass gemeinschaftlich eine Präsenzkraft beauftragt wird, die sich um allgemeine und organisatorische Aufgaben kümmert. Für notwendige Umbauten, welche die Pflegesituation in der Wohngemeinschaft erleichtern, kann die Pflegekasse auf Antrag bis zu 4.000 Euro als Zuschuss für jeden Bewohner, maximal jedoch 16.000 Euro insgesamt zahlen.

Wir können die Pflege unserer Mutter nicht mehr bewältigen. Bisher half uns ein ambulanter Dienst, doch jetzt möchte sie selbst ins Heim. Sie hat weder eine große Rente noch Vermögen. Was müsste ich als Sohn dazu zahlen?

Dies ist eine Frage, die von den Städten und Gemeinden individuell zu prüfen ist. Eine pauschale Antwort auf diese Frage kann nicht gegeben werden. Wichtig ist, dass Sie diese Anträge rechtzeitig stellen und sich mit dem zuständigen Sozialamt/ Kostenträger in Verbindung setzen.

Bisher betreute ich meine Mutter in ihrem Haus. Sie hat Pflegegrad 2 und bezog bisher Pflegegeld. Jetzt möchte sie in ein Heim im umziehen. Wie finden wir etwas Passendes? Worauf sollten wir bei der Suche achten?

Im Internet finden Sie unter www.aok-pflegenavigator.de oder – für Angebote in Bielefeld- unter www.bielefeld-pflegeberatung.de stationäre Einrichtungen, ambulante Pflegedienste und weitere Angebote. Achten Sie darauf, dass die notwendigen pflegerischen Leistungen angeboten werden, wie hoch der Grad der Zuwendung ist, welche Freizeitangebote es gibt. Schauen Sie möglichst nach einer Einrichtung in Ihrer Wohnortnähe, damit Sie Ihre Mutter auch öfters besuchen können. Haben Sie etwas in die engere Wahl gezogen, gehen Sie hin – am besten mit Ihrer Mutter – und schauen Sie sich vor Ort um. Reden Sie auch ruhig mal mit Bewohnern. Gegebenenfalls kann Ihre Mutter zur Probe wohnen. Etliche Einrichtungen bieten das an.

Mein Mann ist nach einem Schlaganfall als Pflegefall nach Hause gekommen. Wir haben uns vorher noch nie mit dem Thema beschäftigt. Jetzt gibt es vieles zu bedenken. Wer hilft uns dabei?

Fordern Sie zunächst einmal bei der Pflegekasse Ihres Mannes eine kostenfreie Pflegeberatung an. Diese Beratung steht Ihnen per Gesetz zu und findet in der Regel innerhalb von zwei Wochen nach Anforderung statt – gegebenenfalls auch auf Wunsch in Ihrer Wohnung. Sollte Ihr Mann privat versichert sein, ist die bundesweite Compass-Private Pflegeberatung zuständig. Auch die Pflegestützpunkte in Ihrer Nähe beraten Sie trägerunabhängig und kostenfrei über die ersten Schritte. Sie werden über Antragsmodalitäten, über das Begutachtungsverfahren und alle Leistungen der Pflegeversicherung informiert und könne in der Regel auch Listen der regionalen Pflegeanbieter einsehen. Wenn ihr Vater sich derzeit noch im Krankenhaus befindet, nehmen Sie Kontakt zu dem Sozialdienst des Krankenhauses auf, auch hier werden Sie unterstützt, die folgenden Schritte zu planen.

Ich habe Pflegegrad 3 und bin auf den Rollstuhl angewiesen. Ich möchte solange es geht zu Hause bleiben, aber da müsste in der Wohnung Etliches umgebaut werden. Gibt es da für Zuschüsse?

Ja. Jeder, der einen der fünf Pflegegrade hat, kann bei seiner Pflegekasse einen Antrag auf den Zuschuss für Wohnumfeld verbessernde Maßnahmen stellen. Bis zu 4.000 Euro Zuschuss können beispielsweise für einen Treppenlift, Badumbau, Beseitigung von Türschwellen, Bau einer Rampe und Türverbreiterung gewährt werden. Hilfreich kann eine Wohnberatung sein, die sich im Vorfeld die Bedingungen bei Ihnen zuhause anschaut. Legen Sie dem Antrag einen Kostenvoranschlag bei, und beginnen Sie erst mit dem Umbau, wenn der Bewilligungsbescheid da ist.

Mein Mann hat einen Antrag auf Pflegeleistungen gestellt. Für nächste Woche hat sich ein Gutachter angemeldet. Benötigen wir dafür Unterlagen von seinem Arzt?

Wenn aktuelle Unterlagen – eventuell nach einem Krankenhausaufenthalt – schon da sind, ist das gut. Aber es ist nicht zwingend notwendig, sich Derartiges aufwendig vorher zu besorgen. Ansonsten sollten Sie einfach einmal für sich notieren, in welchen Bereichen Ihr Mann nicht mehr selbstständig zurechtkommt. Die Selbstversorgung spielt dabei eine große Rolle, aber es werden auch Mobilität, Einschränkungen in der Alltagskompetenz, psychische Probleme, der Umgang mit Medikamenten und soziale Kontakte einbezogen.

Gibt es etwas von der Pflegekasse, wenn ich als Pflegeperson mal eine Auszeit nehme und stattdessen eine gute Bekannte stundenweise einspringt? Ich pflege meine Frau seit vier Jahren und möchte gern wieder im Angelverein mitmachen.

Es ist gut und richtig, dass Sie als Pflegeperson auch an sich denken. Zur Entlastung gibt es dafür die Verhinderungspflege. Ihre Frau sollte bei ihrer Pflegekasse den entsprechenden Antrag stellen. 1.612 Euro stehen jährlich als Erstattungsbetrag für die Ersatzpflege zur Verfügung, wenn Sie als Pflegeperson ausfallen. Weitere Einzelheiten der Finanzierung sprechen Sie am Besten individuell mit Ihrer Pflegekasse ab.

Vor drei Jahren wurde die Pflegestufe für mich abgelehnt, weil ich nicht auf die erforderliche Zeit für die Grundpflege kam. Inzwischen benötige ich noch mehr Hilfe. Sollte ich es noch einmal versuchen und einen Antrag stellen?

Das sollten Sie. Denn es gibt ja ein anderes Begutachtungsverfahren. Früher war die aufgewendete Zeit für die Grundpflege ausschlaggebend für die jeweilige Pflegestufe. Jetzt werden mehr Bereiches des Lebens berücksichtigt, und es wird geschaut, wie selbstständig der Betroffene den Alltag noch meistern kann beziehungsweise in welchem Maße die Selbstständigkeit beeinträchtigt ist.

Stimmt es, dass unsere Mutter, wenn sie gleich aus dem Krankenhaus in die Kurzzeitpflege kommt, noch einiges selbst bezahlen muss?

Das stimmt. Für die Kurzzeitpflege stehen im Jahr 1.612 Euro zur Verfügung, die mit der stationären Einrichtung für pflegebedingte Aufwendungen abgerechnet werden können. Der zusätzliche Entlastungsbetrag kann ebenfalls noch verwendet werden. Die sogenannten Hotelkosten jedoch – Unterbringung, Verpflegung und Investitionskosten – sind vom Bewohner selbst zu bezahlen. Im Einzelfall kann gegebenenfalls eine weitere Kostenübernahme durch den Sozialhilfeträger infrage kommen.

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