Jede Menge Gerätschaften: Die OP-Schwester (2. v. l.) reicht dem Chirurgen Michael Schönbrodt (3. v. l.) Scheren, Klemmen, Nadeln und Schalen an. Drei Medizinstudenten (im Hintergrund) beobachten die Operation. Links im Bild Kardiotechniker Kai Porschitz, der die Herz-Lungen-Maschine überwacht. - © Jörg Stuke
Jede Menge Gerätschaften: Die OP-Schwester (2. v. l.) reicht dem Chirurgen Michael Schönbrodt (3. v. l.) Scheren, Klemmen, Nadeln und Schalen an. Drei Medizinstudenten (im Hintergrund) beobachten die Operation. Links im Bild Kardiotechniker Kai Porschitz, der die Herz-Lungen-Maschine überwacht. | © Jörg Stuke

Bad Oeynhausen Reportage: Junge Mutter bekommt in achtstündiger OP ein neues Herz

In einer achtstündigen Operation wird der 29-jährigen Patientin Secil C. in Bad Oeynhausen 
ein Spenderorgan transplantiert. Wir haben die dramatischen Momente miterlebt.

Jörg Stuke

Bad Oeynhausen. Der magische Moment ist nach sechseinhalb Stunden im Operationssaal gekommen. „Aorta auf" lautet die Ansage von Michael Schönbrodt. Der Oberarzt öffnet die Hauptschlagader. Blut strömt in das Herz, das wenige Stunden zuvor noch in der Brust eines anderen Menschen geschlagen hat. Das dann über mehrere Hundert Kilometer bis ins Herz- und Diabeteszentrum nach Bad Oeynhausen transportiert wurde. Und das Michael Schönbrodt nun in die Brust der 29-jährigen Patientin Secil C. eingesetzt hat. Gute vier Stunden lang hat das Herz stillgestanden. Doch in dem Moment, in dem das Blut hinein strömt, beginnt es wieder zu schlagen. So sieht es aus, das Wunder des Lebens, im größten Herztransplantationszentrum Europas. Dieses Wunder beginnt für Secil C. morgens um 6.30 Uhr. Da teilt ihr der Transplantationskoordinator des HDZ mit: „Wir haben ein Spenderherz für Sie." Allein das ist schon ein kleines Wunder. Drei Wochen zuvor war Secil C. ins HDZ nach Bad Oeynhausen gekommen. Vor drei Jahren hatte die Patientin in München ein mechanisches Unterstützungssystem, also eine Pumpe, implantiert bekommen, das ihr geschwächtes Herz unterstützte. Seit Mai 2016 ist die Ingolstädterin im HDZ in Behandlung. Alle zwei, drei Monate kommt sie seither nach Bad Oeynhausen. Im Februar verschlechterte sich ihr Zustand zusehends: „Rechtsherzversagen". Secil C. wurde auf der Liste der Patienten, die auf ein Spenderherz warten, in den höchsten Dringlichkeitsstatus HU (high urgency) eingestuft. Und nur einen Tag später meldet Eurotransplant, dass für die 29-Jährige ein Spenderorgan verfügbar ist. "Ich hab' gedacht: Träumst du?" „Ich hab’ gedacht: Träumst du?", berichtet Secil C. Sie hat zuerst ihren Sohn informiert, sich dann noch einmal geduscht, sich die Haare gemacht. Gegen 12.45 Uhr wird die 29-Jährige in den OP-Trakt des HDZ gebracht. Angst habe sie nicht, versichert sie. „Ich freue mich nur. Ich vertraue den Ärzten hier sehr." Der Anästhesist nimmt die Patientin in Empfang. Bereitet sie auf die Operation vor. Und legt Secil C. schlafen. So bekommt sie den Transfer vom Vorraum in den Operationssaal gar nicht mehr mit. Im OP steht Oberarzt Michael Schönbrodt mit seinem Team bereit. Er gehört zu den erfahrensten Transplantationsmedizinern im HDZ. Zehn, 15 Herzen verpflanzt er pro Jahr, und das seit 2010. Die Instrumente werden bereitgelegt, eine ganze Batterie von Scheren, Schalen, Nadeln. Es könnte losgehen. „Wir warten aber noch auf das Okay des Entnahmeteams", erklärt Schönbrodt. Woher das Herz stammt, bleibt geheim Das Team von Chirurg Andreas Godo ist am frühen Morgen aufgebrochen, um das Spenderorgan zu entnehmen, es zu untersuchen und dann sicher nach Bad Oeynhausen zu begleiten. Woher das Spenderherz stammt, das wird dem Empfänger nicht verraten. „Um ihn zu schützen", erklärt Anna Reiss, Pressesprecherin des HDZ. „Diese Anonymisierung ist in Deutschland im Transplantationsrecht so geregelt." Das Team im OP wartet mit gespannter Geduld. Um 14.30 Uhr meldet sich das Entnahmeteam. An der Niere des Organspenders wurde ein Tumor entdeckt. Da auch dieses Organ einem Menschen neue Lebensqualität schenken soll, muss der Tumor untersucht werden, bevor das Herz entnommen wird. „Ne halbe Stund soll der Schnelltest dauern", erfährt Schönbrodt. Aus der halben Stunde werden fast eineinhalb. Dann endlich kommt der erlösende Anruf: Das Herz ist in Ordnung. Es kann losgehen. Um kurz vor 16 Uhr setzt der Chirurg das Skalpell zum ersten Schnitt an. Dass es hier um einen existenziellen Eingriff geht, ist im OP kaum zu spüren. Schönbrodt und sein Team arbeiten konzentriert, professionell. Und doch ist diese OP auch für Schönbrodt keine Routine, obwohl der Oberarzt schon über 100 Herzen verpflanzt hat. „Gerade durch das Unterstützungssystem ist das sehr anspruchsvoll", sagt der 46-Jährige. Alle Verbindungen gekappt Kardiotechniker Kai Porschitz überprüft derweil noch einmal die Blutwerte der Patientin und seinen Maschinenpark. Um 17.15 Uhr übernimmt die Herz-Lungenmaschine die Versorgung der Patientin. Und 40 Minuten später hat Schönbrodt alle Verbindungen gekappt und nimmt das Herz aus der Brust der Patientin. Das Entnahmeteam meldet sich. „Wir fahren jetzt von der Autobahn runter", teilt Godos Team mit. Vom Flughafen Hannover nimmt das Spenderherz die letzte Etappe mit dem Auto. 18.45 Uhr: Ein Mann vom Entnahmeteam bringt das Spenderherz in den OP. Nun geht alles ganz schnell. Schönbrodt untersucht das Organ, bereitet die großen Blutgefäße vor. 350 bis 400 Gramm, so schätzt Schönbrodt, wiegt das Organ. Er setzt das Herz in die Brust von Secil C. ein und beginnt, die vier großen Verbindungen zwischen Herz und Patientin herzustellen. Hochkonzentriert arbeitet sich der Chirurg von unten nach oben vor. Linker Vorhof, rechter Vorhof. Dann folgt die Pulmonalarterie, dann die Aorta. Mit 60 bis 80 Stichen näht der Chirurg jedes der großen Gefäße. Das Herz beginnt zu schlagen Das ist in 40 Minuten geschafft. Um 19.30 Uhr kommt der Moment der Wahrheit. Schönbrodt öffnet die Klemme, die die Aorta verschlossen hat. Das Blut strömt in den Herzmuskel. Und das Herz beginnt, selbstständig zu schlagen. Rund vier Stunden sind vergangen, seitdem es dem Körper des Spenders entnommen wurde. Schönbrodt versetzt dem Herzen trotzdem einen kleinen Stromstoß. „Das Herz hat ein bisschen rumgewackelt", beschreibt der Chirurg salopp den etwas unregelmäßigen Rhythmus. Das sei nicht selten nach einer Transplantation. Nun schlägt das Herz wie ein Uhrwerk. Noch aber macht die Herz-Lungenmaschine die eigentliche Arbeit. Über die Maschine wird nun auch der Körper der Patientin, der auf 34,5 Grad heruntergekühlt war, behutsam wieder aufgewärmt. Das dauert eine Stunde. Dann gibt Schönbrodt das Kommando, die Herz-Lungenmaschine abzustellen. Schafft das neue Herz seine Aufgabe nun selbstständig? Ja, es schlägt wacker. Die Operation ist geglückt. Aber sie ist noch nicht zu Ende. Drei Stunden hat Schönbrodt noch zu tun, dann ist die große Wunde geschlossen. Die Patientin kann auf die Intensivstation gebracht werden. Und Schönbrodt kann Feierabend machen. Es ist nach Mitternacht. Und Secil C. wird das Datum der OP künftig feiern. Als ihren zweiten Geburtstag.

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