Todesursache: Zigaretten liegen in einem ueberfuellten Aschenbecher - © picture alliance
Todesursache: Zigaretten liegen in einem ueberfuellten Aschenbecher | © picture alliance

Bielefeld Studie: Arme Bürger rauchen mehr und sterben früher

In einigen Gesellschaftsschichten sinkt die Zahl der Rauchertoten seit Jahren. Menschen mit niedrigem Sozialstatus trifft es hart. Schuld ist auch die Politik

Dennis Bleck

Bielefeld. Trotz Warnhinweisen auf Tabakverpackungen und Werbeverbot in TV und Kino, gehört das Rauchen noch immer zum großen Laster der Deutschen. Besonders erschreckend: Rauchen ist dafür verantwortlich, dass Bundesbürger mit geringer Bildung und wenig Einkommen viel kürzer leben als besser Gebildete und Wohlhabende. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität unter der Leitung von Daniel Kotz. „Der Tabakkonsum ist sozioökonomisch sehr ungleich verteilt: Je niedriger Schulabschluss und Einkommen sind, desto höher der Raucheranteil", sagt Kotz dem Spiegel. Menschen mit niedrigem sozioökonomischen Status hätten im Schnitt eine fünf bis zehn Jahre niedrigere Lebenserwartung – und zehn bis 20 weniger krankheitsfreie Jahre vor sich als Angehörige höherer sozioökonomischer Schichten. Während der Raucheranteil bei Deutschen mit hohem und mittlerem Sozialstatus seit einem halben Jahrhundert sinkt, hat sich die Quote unter Bürgern mit niedrigem Sozialstatus kaum verändert. Nur in Deutschland ist Plakatwerbung erlaubt Viele Resultate der Studie seien „erschreckend", sagte Kotz. So outeten sich 28,3 Prozent der Studienteilnehmer als Raucher. Damit ist der Tabakkonsum in Deutschland im westeuropäischen Vergleich sehr hoch. Nur in Frankreich, Österreich und Spanien gibt es ähnliche Raucherquoten. Die meisten Raucher gibt es der Studie zu Folge in Brandenburg (42,6 Prozent). Nordrhein-Westfalen liegt mit einem Anteil von 30 Prozent auf dem fünften Rang. Die Suchtforscher machen die deutsche Politik für die hohen Zahlen verantwortlich. Der Konsum sei „vermutlich das Ergebnis einer unzureichenden Umsetzung von Kontrollmaßnahmen", behaupten die Wissenschaftler. So werden etwa Nichtraucher, verglichen mit anderen europäischen Ländern, schlecht geschützt. Vor allem aber ist Deutschland der einzige Staat in der Europäischen Union, in dem die Nikotinkonzerne ihre Produkte auf Plakaten bewerben dürfen. 30-mal mehr Rauchertote als durch Verkehrsunfälle Dabei hatte sich die Bundesrepublik schon vor 14 Jahren gegenüber der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verpflichtet, spätestens 2010 ein umfassendes Verbot von Zigarettenwerbung zu erlassen. „Indem die deutsche Politik die WHO-Vorgaben nicht umsetzt, ist sie verantwortlich für die stets größer werdenden sozioökonomischen Gesundheitsunterschiede", sagt Kotz. Jährlich sterben sterben mehr als 120.000 Raucher, Ex-Raucher und Passivraucher in Deutschland an den Folgen des Tabakkonsums. Das sind 30 mal mehr Tote als durch Straßenverkehrsunfälle.

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