Interview mit Dr. Nahlah Saimeh, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, über Pädophilie. - © picture alliance / zb
Interview mit Dr. Nahlah Saimeh, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, über Pädophilie. | © picture alliance / zb

Bielefeld Expertin im Interview: "Es gibt Pädophile mit pädagogischem Talent"

Nahlah Saimeh, Direktorin des LWL-Zentrums für Forensische Psychiatrie Lippstadt, im Interview

Angela Wiese

Bielefeld. Im Tatort "Déjà-vu" bleibt der pädophile Täter lange unbehelligt. Warum bleibt die Störung solcher Täter auch in der Realität oft so lange unbemerkt? Welche Rolle spielen die Lebensgefährtinnen solcher Männer wie im Dresdner Tatort und was genau ist Pädophilie? Antworten gibt Dr. Nahlah Saimeh (51), Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, im Interview. Was genau ist Pädophilie? Nahlah Saimeh: Nach dem DSM-5, dem amerikanischen Klassifikationssystem für psychische Störungen, spricht man von einer pädophilen Störung, wenn sie auf Handlungsebene umgesetzt wird, also die Neigung ausgelebt wird oder andere Menschen dadurch beeinträchtigt werden. Pädophilie ist die bekannteste unter den sexuellen Präferenzstörungen. Wie man sie bekommt ist nicht klar. 40 Prozent der Übergriffe auf Kinder werden von explizit pädophilen Menschen begangen. Ein großer Teil wird also von Menschen begangen, die gar nicht oder nicht ausschließlich pädophil sind. Wann bemerken Pädophile ihre Neigung? Saimeh: Meistens in der Pubertät oder Jugendzeit. Können Pädophile eine Sexualität mit Gleichaltrigen überhaupt ausleben? Saimeh: Es gibt Menschen mit einer Hauptströmung. Diese Menschen sind ausschließlich auf Kinder ausgerichtet. Sie müssen deshalb ihr Leben lang auf Sexualität verzichten. Menschen mit einer Nebenströmung dagegen können auch mit sexuell reifen Menschen Sex haben. Vier Prozent aller Männer haben eine erotische Ansprechbarkeit durch Kinder. Längst nicht alle davon begehen Sexualstraftaten. Entscheidend ist die Frage, ob jemand seine Neigung auch auslebt, zum Beispiel indem er Kinderpornographie konsumiert oder selbst missbraucht. Jemand mit einer Nebenströmung kann wählen. Merken Partnerinnen von pädophilen Männern, dass etwas nicht stimmt? Saimeh: Bei einem Partner mit einer pädophilen Nebenströmung ist das nicht einfach, weil er auch eine konventionelle Sexualität leben kann. Und welche Phantasien er währenddessen im Kopf hat, kann die Partnerin nicht sehen. Bei Menschen mit der Hauptströmung ist das anders. Sie meiden sexuelle Kontakte mit der Partnerin und sagen bei Annäherung zum Beispiel, sie hätten Kopfschmerzen. Viele von ihnen haben aber auch gar keine Beziehung. Wie erreichen pädophile Täter Kinder? Saimeh: Man kann hier zwischen verschiedenen Typen unterscheiden. Es gibt pädophile Menschen mit einer Reifungsverzögerung, die sich selbst eher wie Kinder fühlen und deshalb auch besser mit Kindern kommunizieren können. Dann gibt es pädophile Menschen mit einem ausgeprägten pädagogischen Talent. Das nutzen sie, um Kontakt zu zum Beispiel erzieherisch vernachlässigten Jungen herzustellen, denen sie bei den Hausaufgaben helfen und mit denen sie Freizeit verbringen. Durch den Vertrauensaufbau entsteht eine Art Freundschaft. Die Taten sind dann häufig weniger gewalttätig im engen Sinne. Außerdem gibt es dissoziale, gewalttätige Menschen, die Kindern schwere Gewalt antun. Für sie sind Kinder nur Objekte, um die eigenen sexuellen Bedürfnisse auszuleben. Warum werden Pädophile trotz des Verbots und der klaren gesellschaftlichen Haltung zu Pädophilie trotzdem immer wieder zu Tätern? Saimeh: Den gewalttätigen, dissozialen Menschen ist das Verbot egal und sie versuchen, die Kinder einzuschüchtern, indem sie ihnen drohen. Die andere Variante zeigt sich bei den pädagogisch talentierten Menschen. Sie wissen, dass es verboten ist, was sie tun. Aber sie geben sich eine innerliche Legitimation, indem sie sich selbst sagen: Ich bin ja nicht gewalttätig. Und sie sagen sich, dass sie ja befreundet sind mit dem Kind, dass sie nicht pädophil sind, sondern sich aus der Freundschaft eine Beziehung entwickelt. Sie schieben den Jungen die Mitverantwortung für ihr Handeln zu und reden sich ihr Handeln gewissermaßen passend. Warum können Pädophile ihre Neigung oft so gut verbergen? Saimeh: Weil sie häufig ein sozial sehr angepasstes Leben führen. Anders als bei den gewaltbereiten Menschen sind die pädagogisch geschickten Menschen selten vorbestraft. An wen können sich Pädophile wenden, wenn sie den Druck verspüren, vielleicht zum Täter zu werden? Saimeh: Es gibt noch zu wenige Hilfsangebote. Durch die Arbeit der Charité in Berlin und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf gibt es aber mittlerweile sexualmedizinische Ambulanzen, deren Konzepte auch in anderen Großstädten übernommen wurden. Wir brauchen viel mehr sexualmedizinische Ambulanzen. Für Menschen mit einer Hauptströmung kommt man um die Empfehlung einer Medikation, begleitend zu einer psychiatrischen Behandlung, nicht umhin. Über diese stark hormonsenkenden Medikamente wird erreicht, dass das sexuelle Interesse weitgehend ausgeschaltet wird.

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