Chance und Herausforderung: Geräte wie Tablets und Smartphones prägen zunehmend das Leben von Kindern und Jugendlichen. - © Jens Wolf
Chance und Herausforderung: Geräte wie Tablets und Smartphones prägen zunehmend das Leben von Kindern und Jugendlichen. | © Jens Wolf

Bielefeld Kinderarzt schlägt Alarm: "Wir wissen zu wenig über Folgen der Mediennutzung"

Kritik an Forschung: Die Mediziner versuchen mit einer Stiftung dringend notwendige Erkenntnisse über die Wirkung digitaler Medien zu bekommen

Martin Fröhlich

Bielefeld. Die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen rückt stärker in den Fokus. Auch in der Forschung. Doch deckt sich die wissenschaftliche Arbeit mit dem, was Kinderärzte in der Praxis benötigen? In weiten Teilen nicht, sagt die „Stiftung Kind und Jugend", die von Ärzten ins Leben gerufen wurde. Sie fordern: „Die Forschung muss sich mehr den wirklich relevanten Themen widmen." Uwe Büsching, Kinderarzt aus Bielefeld, ist stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Stiftung. Er sagt: „Die Forschung hat große Fortschritte gemacht, doch nicht in den Bereichen, die unsere tägliche Arbeit voranbringen." Büsching nennt ein Beispiel: „Wir wissen heute viel über den genetischen Code seltener Erbkrankheiten, aber viel zu wenig über Folgen der zunehmender Mediennutzung durch Hunderttausende Kinder." Die Stiftung der Kinderärzte hat sich zur Aufgabe gemacht, diese Wissenslücken zu füllen, so gut es geht. Wissenschaftliche Evaluationen dessen, was die Mediziner in ihren Praxen erleben, sind eine Säule des Konzepts. Eine andere sind Projekte zur Gesundheitsförderung. Ein Meilenstein der Stiftungsgeschichte war die BLIKK-Studie zum Medienverhalten des Nachwuchses. BLIKK steht dabei für Bewältigung, Lernverhalten, Intelligenz, Kompetenz und Kommunikation. „Bildgestützte, elektronische Medien sind eine Bereicherung für unser Leben, aber auch eine gewaltige Herausforderung – für Eltern und in erster Linie für die Kinder", sagt Büsching. "Wir sind die ersten, die die Ergebnisse der standardisierten Untersuchungen koppeln" Es sei dringend notwendig herauszufinden, was die dauerhafte Nutzung von Smartphones, Tablets, Computern und Spielkonsolen mit Geist, Seele und Körper der Jungen und Mädchen anrichtet. In der Studie ging es um nachweisbare Zusammenhänge zwischen Mediennutzungszeiten und psychischen sowie physischen Auffälligkeiten im Rahmen der Früherkennungsuntersuchungen U3 bis J1. Das Neue an der Idee: „Wir sind die ersten, die die Ergebnisse der standardisierten Untersuchungen koppeln und so eine Entwicklung aufzeigen können." Das alarmierende Ergebnis: „In der Gruppe der Kinder, die länger als 30 Minuten pro Tag digitale Bildschirme nutzen, sind Sprach- und Leseschwierigkeiten, Konzentrationsstörungen, Störungen des Sozialverhaltens und der Body-Maß-Index um das Mehrfache erhöht", so Büsching. Überraschend kam auch heraus, dass bereits Babys unter einem Jahr leiden. Sie weisen häufiger Fütter- und Einschlafstörungen auf, wenn Mutter oder Vater parallel zur Betreuung des Kindes den Blick ständig aufs Handy richten. Forderung: Medienkonsum muss auf Agenda der Forscher Die Ergebnisse waren so aussagekräftig, dass die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, darauf aufmerksam wurde. Sie fordert, dass Kinderärzte bei ihren Früherkennungsuntersuchungen künftig stärker auf Anzeichen von Computerspielsucht und Medienabhängigkeit achten und Medienkompetenz in den Familien stärken. Uwe Büsching wünscht sich von der Forschung, umgehend das Thema Medienkonsum im Kinder- und Jugendalter auf die Agenda zu nehmen. „Erkenntnisse dazu benötigen wir Ärzte dringend."

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