Das richtige Medikament finden: Wer sich selbst in der Apotheke mit Mitteln eindecken will, sollte genau überlegen, was er kauft. Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sind gefährlich. - © Fotolia
Das richtige Medikament finden: Wer sich selbst in der Apotheke mit Mitteln eindecken will, sollte genau überlegen, was er kauft. Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sind gefährlich. | © Fotolia

Bielefeld Experten warnen vor Eigenbehandlung mit rezeptfreien Arzneien

In der Erkältungszeit verzichten immer mehr Menschen auf den Besuch beim Arzt. Apotheker und Mediziner sehen diese Entwicklung kritisch

Lena Henning

Bielefeld. Im heranrückenden Herbst mit seinem nasskalten Wetter werden Millionen Deutsche wieder zu ihrem eigenen Arzt. Ob Erkältung oder Kopfschmerzen: Statt einen Mediziner zu fragen, greifen viele kurzerhand selbst in den Arzneischrank – Risiken und Nebenwirkungen inklusive. Mittlerweile ist nach Angaben des Bundesverbandes der Arzneimittel-Hersteller (BAH) jedes zweite Arzneimittel, das Apotheken ausgeben, rezeptfrei. 2016 gingen 741 Millionen Packungen an rezeptfreien Arzneimitteln an Patienten. Dies sei ein Anstieg um 0,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Experten sehen die Eigenbehandlung durchaus kritisch. Jedes Mittel hat erwünschte und unerwünschte Wirkungen, die der Patient oft nicht kennt – und vor denen der Arzt nicht warnen kann, wenn er nichts von selbst verordneten Arzneien weiß. Vor allem, wenn mehrere Medikamente gleichzeitig eingenommen würden, sei wegen Wechselwirkungen Vorsicht geboten, sagt Daniel Michels, Apotheker aus Salzkotten. Wechselwirkungen können gefährliche werden „Unter Umständen kann das gefährlich werden", beispielsweise wenn das blutverdünnende Aspirin zusammen mit anderen Blutverdünnern eingenommen werde. Die sich verstärkende Wirkung beider Mittel könne zu ernsthaften Komplikationen führen. Vor allem deshalb sei die Beratung durch Apotheker so wichtig. Besonders häufig würden Schmerzmittel nachgefragt, sagt Michels. Aber auch Mittel gegen Erkältungen, wie Hustenlöser oder Nasenspray, werden in der Erkältungszeit viel gekauft. „Bei einem kleinen Schnupfen ist es auch grundsätzlich nicht verkehrt, auf rezeptfreie Medikamente zurückzugreifen", erklärt der Salzkottener Apotheker. Das sieht auch Hans-Ulrich Weller so. Der Facharzt für Allgemeinmedizin aus Bielefeld sagt: „Bagatell-Krankheiten kann man in einem begrenzten Rahmen durchaus selbst therapieren." Wer keinen gelben Schein brauche, müsse wegen einer Erkältung nicht sofort zum Arzt gehen. "Fühle ich mich ernsthaft krank?" Weller rät seinen Patienten, sich selbst kritisch zu fragen: „Fühle ich mich ernsthaft krank?" Ein sensibles Gefühl für den eigenen Körper mache so manchen Arztbesuch überflüssig. Wenn die Beschwerden länger als drei Tage anhalten, sollten Betroffene aber auf jeden Fall einen Arzt aufsuchen. „Man sollte eine Erkältung nicht verschleppen oder die Erkrankung durch Selbstmedikation lange unterdrücken", sagt Weller. Sich selbst therapieren – zwischen unbegründeter Panik und Leichtsinn liegt ein schmaler Grad: „Drei Tage Nasenspray zu benutzen, ist in Ordnung – dreißig Tage lang dagegen überhaupt nicht", sagt Weller. Auch bei Kopfschmerzen gelegentlich auf eine Schmerztablette zurückzugreifen, sei nicht schlimm. "Im Zweifelsfall sollte man immer den Arzt fragen" Er warnt jedoch generell vor den Nebenwirkungen: Besonders Schmerzmittel hätten unerwünschte Effekte. „Je länger man diese Medikamente nimmt, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass Nebenwirkungen auftreten", erklärt Weller. Auch pflanzliche Arzneien sollten Patienten nicht unterschätzen – pflanzlich bedeute nicht harmlos. Das oft als ungefährlich empfundene Johanniskraut, das gegen depressive Verstimmungen helfen soll, habe Wechselwirkungen mit mehreren Medikamenten wie etwa Mitteln zur Unterdrückung der Immunabwehr, sagt der Facharzt. Auch mit rezeptfreien Medikamenten müssten Verbraucher verantwortungsvoll umgehen – und im Zweifelsfall den Arzt fragen. Dass rezeptfreie Mittel den Körper belasten können, wissen einer Forsa-Studie in Baden-Württemberg zufolge die meisten Befragten. Nur acht Prozent werfen bei einem neuen Medikament keinen Blick auf den Beipackzettel. Für mehr Informationen vertrauen die Befragten in der Regel ihrem Arzt (23 Prozent) oder Apotheker (42 Prozent).

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