Immer mehr Berufseinsteiger und Studenten leiden unter massiven Stress. - © picture alliance / Bildagentur-online/Begsteiger
Immer mehr Berufseinsteiger und Studenten leiden unter massiven Stress. | © picture alliance / Bildagentur-online/Begsteiger

Bielefeld Jung, dynamisch, gestresst - so geht es Berufseinsteigern und Studenten

Immer mehr 20-er leiden unter Stress und psychischer Belastung / Das bestätigen auch die Krankenkassen

Christine Warnecke
Teresa Kröger

Bielefeld. Nicole (23, Name der Redaktion bekannt) lebt in Bielefeld und ist gerade mitten in ihrer Ausbildung. Sie möchte alle zufrieden stellen, doch das ist nicht immer einfach. Seit einiger Zeit kämpft sie mit Schwindelanfällen und ist bereits zweimal umgekippt. Außerdem ist sie ständig müde, egal wie viele Stunden sie schläft. Viele ihrer Freundinnen teilen ihr Schicksal, auch Studierenden ergeht es ähnlich. Dass es für Berufseinsteiger und Studenten immer stressiger im Leben wird, können auch Krankenkassen bestätigen. Im „Campus-Kompass" der Techniker Krankenkasse (TK) ist die Rede von einer „deutlichen Steigerung" psychischer Belastungen bei Studenten. Für den Bericht wurden 1.000 Studierende in Deutschland befragt. Er stammt zwar aus dem Jahr 2015, die Tendenz stimmt aber weiterhin, heißt es von der TK. Trotzdem zeigt sich ein widersprüchliches Bild: Einerseits sagen 84 Prozent der Befragten, sie beurteilten ihren Gesundheitszustand als „gut" oder „sehr gut". 13 Prozent nannten ihn „zufriedenstellend", nur 3 Prozent sagten „weniger gut" oder „schlecht", trotzdem gibt es die psychischen Probleme. So sieht es bei den Studierenden aus Gleichzeitig bekommen zwei von zehn Studierenden in NRW mindestens einmal im Jahr eine psychische Diagnose. Zu den häufigsten Erkrankungen gehören Depressionen, Belastungs- und Angststörungen. Laut der Studie haben 55 Prozent der angehenden Akademiker regelmäßig Stress, ein weiteres Viertel der Befragten steht unter Dauerstress. Zu den wichtigsten Auslösern gehören laut TK-Umfrage Prüfungen (52 Prozent), der Lernstoff (28 Prozent), die Doppelbelastung von Studium und Jobben (26 Prozent), die Angst vor schlechten Noten (26 Prozent) oder die Befürchtung, keinen Job zu finden (23 Prozent) sowie finanzielle Sorgen (20 Prozent). Gründe für das erhöhte Stresspensum liegen demnach auch in der Bologna-Reform: Durch sie sei das Studium verschulter geworden, Semesterferien seien keine echten „Ferien" mehr, sondern nur Zeit, um Praktika zu absolvieren oder Hausarbeiten zu schreiben. Der DAK-Gesundheitsreport 2017, für den die Daten der versicherten Beschäftigten herangezogen wurden, kann auf den ersten Blick nicht bestätigen, dass Jüngere häufiger unter psychischen Problemen leiden als Ältere. Der Anteil der psychischen Erkrankungen liegt bei den 15- bis 19-Jährigen bei 7,6 Prozent, bei den 20 bis 24-Jährigen bei 12,9 Prozent und steigt mit dem Alter immer weiter an. Sechs Prozent der jungen Erwachsenen, die schon einmal professionelle Hilfe in Anspruch genommen haben, wurden wegen psychischer Beschwerden schon stationär behandelt. Das sagt der Fachmann zur Situation Für Studenten sei es insgesamt aber schwieriger als für andere Gruppen, genaue Diagnosen nachzuvollziehen, erklärt ein Sprecher der DAK. Studenten müssen sich keinen „gelben Zettel" holen und beim Arbeitgeber vorlegen. Das macht eine statistische Auswertung schwieriger. Andere Daten, wie etwa auch der genannte DAK-Report, wiesen aber auf einen zunehmenden psychischen Druck hin. Ralph Schliewenz, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, hat in Bielefeld studiert, sieht die Situationen ähnlich wie die Krankenkassen: „Das Überforderungsempfinden kommt häufig bei jungen Erwachsen vor, die aus einem behüteten Elternhaus kommen und nun zum ersten Mal auf sich allein gestellt sind. Allein leben und die Konsequenzen für ihre eigenes Handeln zu tragen, ist für viele erstmals eine Überforderung." Weit verbreitet ist auch die These, das soziale Medien an der Überforderung schuld sind. Dem ist jedoch laut Schliewenz nicht so: „Der Druck generell in der Welt ist gestiegen, sie wird an sich komplexer, aber der Mensch passt sich schnell an."

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