Eine Mitarbeiterin nimmt in einem Krebs-Prüfzentrum ein Reagenzglas in die Hand. - © picture-alliance/ dpa
Eine Mitarbeiterin nimmt in einem Krebs-Prüfzentrum ein Reagenzglas in die Hand. | © picture-alliance/ dpa

Gesundheit Skandal um Krebsmittel trifft Tausende

Betrugsfall: Apotheken werden intensiver kontrolliert. 56 Millionen Euro Schaden

Matthias Bungeroth

Bielefeld. Die Betrugsvorwürfe gegen einen Apotheker (47) aus Bottrop wegen angeblich gepanschter Krebsmedikamente ziehen immer weitere Kreise. Einige Insider sprechen sogar bereits vom größten Medizinskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte. Laut Anklage der Staatsanwaltschaft Essen soll der Apotheker in rund 62.000 Fällen Krebsmittel massiv verdünnt haben, die dadurch viel weniger oder sogar gar keine heilende Wirkung mehr hatten. Der Schaden für die Krankenkassen soll bei rund 56 Millionen Euro liegen. Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) ordnete eine schärfere Kontrolle der Apotheken im Land an. Bei unangemeldeten Inspektionen soll es Personalkontrollen und die Überprüfung von Infusionsarzneimitteln geben. Die von der Panscherei betroffenen Patienten sollen über die Vorgänge informiert werden. Berichte, wonach es sich um rund 3.700 Betroffene handelt, wollte die Sprecherin der zuständigen Staatsanwaltschaft Essen, Oberstaatsanwältin Anette Milk, nicht bestätigen. Sie sagte, es gehe „um eine niedrige vierstellige Zahl von Patienten". Der beschuldigte Apotheker sitzt aktuell in Untersuchungshaft und schweigt zu den Vorwürfen. Außer in NRW sind auch Patienten in fünf weiteren Bundesländern von den mutmaßlichen Panschereien betroffen. Kammer lädt zum Runden Tisch Michael Schmitz, Sprecher der Apothekerkammer Westfalen-Lippe, sprach von einem „ziemlich einzigartigen Fall", der sich nicht wiederholen dürfe. Auch wenn man als Kammer nicht in die Ermittlungen eingebunden sei, wolle man kurzfristig dazu beitragen, die mutmaßlichen Vorgänge aufzuarbeiten. Die Kammer lade deshalb zu einem Runden Tisch ein, an dem unter anderem die Aufsichtsbehörden, Amtsärzte, Politik und die Kammer beteiligt sein sollen. „Im September wird das stattfinden", so Schmitz. Der Paderborner Apotheker Klaus Schmitz, Vorstandsvorsitzender des Apothekerverbandes Westfalen-Lippe, sagte: „Ich kenne keinen vergleichbaren Fall bundesweit." Der Verband verurteile die mutmaßlichen Geschehnisse „wie jeder andere auch". Er gehe aber davon aus, „dass das ein absoluter Einzelfall ist". Für den Berufsstand der Apotheker sei dieser aber schlimm, „weil die Gefahr besteht, dass das verallgemeinert wird". Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, sagte die Mitarbeit der Kammer bei der Aufarbeitung der Geschehnisse zu. „Dieser mutmaßliche Betrug bedarf einer verstärkten Kontrolle der Ärzteschaft im onkologischen Bereich", unterstrich Windhorst auf Anfrage. Das Vertrauensverhältnis der Beteiligten stehe „wahrscheinlich auf einer Kippe".

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