Zahnarzt Dr. Jochen Deppe bietet Online-Sprechstunden an. - © Michael Schuh
Zahnarzt Dr. Jochen Deppe bietet Online-Sprechstunden an. | © Michael Schuh

Gütersloh Gütersloher Zahnarzt bietet Video-Sprechstunden an

Bei dem Gütersloher Dr. Jochen Deppe können Patienten das Wartezimmer umgehen
und sich per Chat beraten lassen. Doch die Medizin 2.0 kommt längst nicht in allen Fällen zur Anwendung

Michael Schuh

Gütersloh. Die Szenerie kennt wohl jeder: Man sitzt – flankiert von hustenden Menschen – im Wartezimmer einer Arztpraxis, blättert etwas lustlos in einer Illustrierten und wartet darauf, ins Sprechzimmer des Doktors vorgelassen zu werden. Und all das, obwohl es sich nur um ein obligatorisches Nachsorge-Gespräch handelt – aber es bleibt ja keine andere Wahl. Falsch. Denn mittlerweile gibt es ein virtuelles Wartezimmer, das sich, je nach Lust und Laune, auf der heimischen Couch, am Küchentisch oder im Arbeitszimmer befindet. Mehrere hundert deutsche Ärzte bieten inzwischen per Internet eine Video-Sprechstunde an; zu ihnen gehört der Gütersloher Zahnarzt Dr. Jochen Deppe. Der 53-jährige Dentist hat vor sich ein Laptop, auf dessen Bildschirm ein Mann zu sehen ist, mit dem der Zahnarzt dank Mikro und Kamera am Computer kommunizieren kann. Zwar bildet eine solche Online-Sprechstunde noch die Ausnahme, doch immerhin kommt es mehrmals monatlich vor, dass sich ein Patient von Dr. Deppe medizinisch beraten lässt – und dabei in den eigenen vier Wänden sitzt. Das Portal „Patientus" macht’s möglich. „Seit gut einem Jahr sind wir dabei", erzählt der Gütersloher, „auch, weil ich mich für die Digitalisierung der Medizin interessiere." Die Möglichkeit dieser virtuellen Sprechstunde würden in erster Linie Bestandspatienten in Anspruch nehmen, die der 53-Jährige zuvor bereits behandelte und bei denen er sich nun überzeugen möchte, dass alles in Ordnung ist. „Beispielsweise nach einer Implantation, bei der alles problemlos gelaufen ist." Möchte der Patient zu dieser nötigen Nachsorge nicht extra in die Praxis kommen, kann er sich einen Termin für eine Video-Sprechstunde sowie einen sechsstelligen Code geben lassen. Meldet er sich damit auf der Patientus-Website bei Dr. Deppe an, erscheint auf dessen Praxis-PC tatsächlich der Schriftzug „Patient wartet im Wartezimmer". Über den Bildschirm erkundigt sich der Zahnarzt dann nach dem Befinden und eventuellen Schmerzen oder Blutungen. „Sobald ich mir nicht ganz sicher bin, dass wirklich alles in Ordnung ist oder beispielsweise eine Schwellung vorliegt, muss der Patient zu mir kommen." Auch für ein Gespräch über ein zuvor aufgenommenes Röntgenbild, das beide Protagonisten gleichzeitig auf dem Bildschirm sehen, biete sich die neue Technik an. „Ganz wichtig ist es aber, dass solche Video-Sprechstunden nicht mal eben nebenbei erfolgen", sagt der 53-Jährige. „Das muss wirklich wie ein ganz normaler Behandlungstermin ablaufen; der Patient braucht auch hier die ungeteilte Aufmerksamkeit." Zudem gebe es die Möglichkeit, dass ein Patient die Praxis Dr. Deppe auf patientus.de finde und sich dort für eine Online-Sprechstunde anmelde. „Das kommt aber nur selten vor und bietet sich gerade in der Zahnmedizin kaum an", fährt Deppe fort, „denn meist ist es erforderlich, dass man sich zunächst auf den Behandlungsstuhl setzt." Über die Computer-Kamera in den Mund zu schauen und so eine Ferndiagnose zu stellen, kommt für den Gütersloher nicht in Frage: „Das ginge auch rein technisch schon gar nicht." Wer nun meint, nur junge Menschen nähmen die digitalen Dienste des Dentisten in Anspruch, muss sich eines Besseren belehren lassen: „Das sind durchaus auch 70-Jährige, die mit ihren Enkeln in einem anderen Teil der Obwohl sich viele Ärzte damit noch schwer täten, geht der Gütersloher davon aus, dass in anderen Fachrichtungen die Medizin 2.0 künftig zum Alltag gehört: „Vor allem in ländlichen Gebieten wird man irgendwann nicht mehr daran vorbeikommen." In nicht allzu ferner Zukunft werde die komplette Krankenakte eines Menschen auf dessen Smartphone gespeichert sein und der Patient sie bei Bedarf mit dem Arzt teilen. „Dazu gehören dann zum Beispiel auch Daten über die tägliche Bewegung. Bei Zahnärzten ist so etwas natürlich schwieriger, aber Hausärzte kommen irgendwann nicht mehr drumrum." Wann genau es soweit sein wird, steht noch in den Sternen. Und auch Dr. Deppe wird die meisten seiner Patienten vorerst wohl in seiner Praxis behandeln. Von Angesicht zu Angesicht.

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