Hilft in Gesundheitsdingen: Die Unabhängige Patientenberatung Deutschland. - © Foto: dpa
Hilft in Gesundheitsdingen: Die Unabhängige Patientenberatung Deutschland. | © Foto: dpa

Berlin Callcenter als Ersatz für unabhängige Einrichtung geplant

Patienten sollen demnächst telefonisch beraten werden/Betreiber noch unbekannt

Peter Stuckhard

Berlin. Wieso muss ich bei der vom Arzt verordneten Einlage zuzahlen? Darf die Krankenkasse mir den Rollstuhl verweigern? Was ist eigentlich eine individuelle Gesundheitsleistung? Für die meisten Patienten ist das Gesundheitssystem ein Buch mit sieben Siegeln. Seit 2010 können sich Patienten Rat bei der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD) holen. Doch das könnte bald vorbei sein. Denn die UPD könnte ab Januar 2016 von einem Callcenter abgelöst werden, über dessen Betreiber sich die Entscheider in Schweigen hüllen. Kompliziert und von eigenen Interessen geprägt sind meist die Informationen auf bunten Flyern von Kranken- und Pflegekassen, Ärzteverbänden oder gar der Fernsehwerbung der Pharmaindustrie. Vor diesem Hintergrund fürchtet Günter Garbrecht (SPD), Vorsitzender des Gesundheitsausschusses im NRW-Landtag, jetzt "das Ende der unabhängigen, kompetenten Beratung von Patientinnen und Patienten in Deutschland". Um zu verstehen, was sich hinter den Kulissen der Gesundheitspolitik im Bund abspielt, muss man wissen, dass die gesetzlichen Krankenkassen die Aufgabe haben, "Einrichtungen zu fördern, die Verbraucher und Patienten in gesundheitlichen und gesundheitsrechtlichen Fragen qualitätsgesichert und kostenfrei informieren und beraten". So will es das Gesetz. Und genau das tut die UPD seit 2010. In rund 80.000 Beratungsgesprächen hat sie im vergangenen Jahr verunsicherte Patienten informiert. Sie wird getragen vom Sozialverband VdK Deutschland, dem Verbraucherzentralen-Bundesverband und dem Verbund Unabhängige Patientenberatung. Die UPD versteht sich als "Lotse, Wegweiser und Berater: Die Ratsuchenden erhalten Informationen, Beratung und Unterstützung - frei von Interessen der Krankenkassen, Ärzte, pharmazeutischen Industrie und anderen Akteuren". Dafür bekommt sie pro Jahr 5,2 Millionen Euro von den Krankenkassen, ab 2016 sollen es 9 Millionen sein. 365.000 Euro (630.000) kommen von der privaten Krankenversicherung für die Beratung auf Türkisch und Russisch. Für die Zeit ab 2016 haben die Kassen im Einvernehmen mit dem Patientenbeauftragten der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU), diese Leistungen für einen Zeitraum von sieben Jahren neu ausgeschrieben. Die UPD, die sich an der Ausschreibung beteiligt hat, soll nach Informationen dieser Zeitung nicht erneut zum Zuge kommen. Stattdessen sollen die Patienten von einem Callcenter beraten werden, das Erfahrungen mit der Beratung im Themenfeld Gesundheit hat. Die Sprecherin des Spitzenverbandes der Krankenkassen und der Patientenbeauftragte der Bundesregierung gaben dazu keine Stellungnahme ab, da es sich um ein laufendes Verfahren handele. Die Vergabe soll Ende des Monats erfolgen. Wie der Patientenbeauftragte versicherte, werde es aber "keine Verhandlungen mit jemand geben, der nicht unabhängig ist". Dazu Garbrecht: "Wer ein Callcenter ausschreibt, kann am Ende nur ein Callcenter bekommen!"

realisiert durch evolver group