Brennender Stier in Medinaceli: Nach dem Anzünden der Fackeln auf seinem Kopf - hier im Jahr 2015 - wird das Seil gelöst. - © picture alliance / dpa
Brennender Stier in Medinaceli: Nach dem Anzünden der Fackeln auf seinem Kopf - hier im Jahr 2015 - wird das Seil gelöst. | © picture alliance / dpa

Medinaceli "Brennender Stier" in Medinaceli - tausende Zuschauer jubeln

Warum das Spektakel "Toro Jubilo" in der nordspanischen Provinz Soria noch immer nicht verboten ist

Talin Dilsizyan

Soria. Jedes Jahr wiederholt sich im spanischen Ort Medinaceli ein höchst fragwürdiges Spektakel: Am zweiten Wochenende im November wird einem Stier ein Gestell auf seinen Hörnern befestigt und zwei Bälle aus Pech, Flachs, Terpentin und Schwefel darauf angezündet. Der Stier wird mit Tonerde eingerieben, um ihn vor Brandverletzungen zu schützen. Rund 3.000 Zuschauer verfolgten das Festival "Toro Jubilo" (Freudenstier oder Jubelstier) am Samstag um Mitternacht.

Junge Männer zogen den Stier an einem Seil zu einem Holzpfahl auf einem zentralen Platz von Medinaceli und entzündeten die Bälle auf dem Kopf des Stiers. So wie es seit hunderten von Jahren Tradition ist, jubelten sie und die Zuschauer danach beim Anblick der Flammen. Gleichzeitig wird der Stier freigelassen und soll die brennenden Fackeln dann selbst löschen. In wenigen Sekunden ist es ihm dieses Jahr gelungen. Zwar versuchten die Männer, die Bälle auf seinem Kopf erneut anzuzünden, dies gelang ihnen jedoch nicht. Somit endete das Spektakel in der diesjährigen Auflage sehr viel früher als sonst.

Tierschützer protestieren nicht vor Ort

Wie auf der Seite des regionalen Fernsehsenders RTVCYL.es weiter zu lesen ist, waren dieses Jahr zudem erstmals keine Tierschützer in Medinaceli, um gegen den "Toro Júblilo" zu protestieren. Im Vorfeld zu dem Fest hatte aber etwa die Tierschutzpartei PACMA, die sich seit Jahren für eine Abschaffung des Festivals im Regionalparlament einsetzt, bekräftigt, dass es sich bei dem Spektakel um "eine offensichtliche Misshandlung von Tieren handelt". Der Stier habe unbeschreibliche, panische Angst. Er versuche, das Feuer mit hastigen Bewegungen zu löschen. Dabei könne er sich selbst verletzen oder sich gar das Genick brechen. Durch das Feuer und die Hitze fällt die Tonerde von ihm ab. Durch Funken von den brennenden Fackeln verbrennen sein Kopf, sein Rücken und seine Augen. Manche Stiere versuchen laut PACMA ihre Qual selbst zu beenden, indem sie gegen eine Mauer rennen oder stürzen. Andere sterben an einem stressbedingten Herzinfarkt.

Der Bürgermeister von Medinaceli, Felipe Utrilla, verteidigte den "Toro Jubilo" als Traditionsveranstaltung. Er sprach gegenüber des Mediums "Público" von Panikmachern, die nicht die Wahrheit sagen würden und die Absicht hätten, das Fest herabzuwürdigen." Den Tieren werde kein Schaden zugefügt. Jedes Jahr seien die Stiere, die bei dem Festival mitgemacht haben, nach dem Spektakel ohne Schaden in die Zuchtbetriebe zurückgekehrt.

Schutz von Stieren in Kastilien-León

Seit mehr als 400 Jahren findet das Festival in der Stadt Medinaceli statt, die zur Provinz Soria in der nordspanischen autonomen Region Kastilien-León gehört. 2002 wurde der "Toro Jubilo" zum traditionellen Stierspektakel erklärt. Auf diesen Status beruft sich das Regionalparlament bisher, um Verbotsanträge abzuweisen. In Kastilien-León gibt es eine gesetzliche Regelung für Stierspektakel (Reglamento de espectacúlos taurinos populares de la comunidad de Castilla y León), die verbietet, Tiere zu verletzen oder in irgendeiner Form brutal zu behandeln. Im Stierkampf dürfen die Tiere nicht in der Öffentlichkeit getötet werden (Artikel 19). Vor diesem Hintergrund hat das Parlament 2016 etwa ein Gesetz verabschiedet, was das Töten des Stiers beim Festival "Toro de la Vega" in Tordesillas in der Öffentlichkeit verbietet. Ebenfalls, weil es sich um ein traditionelles Spektakel von gesellschaftlicher Bedeutung handelt, was seit mindestens 200 Jahren im Einklang mit den örtlichen Sitten und Gebräuchen gefeiert wird - das ist die gesetzliche Voraussetzung, wurde es aber nicht ganz verboten.

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