Fabbio Zgraggen und Walter Frei stehen vor der "Tecnam", einer zweimotorigen Chartermaschine, mit der sie über dem Mittelmeer nach Flüchtlingsbooten suchen. 
- © Bastian Schlange
Fabbio Zgraggen und Walter Frei stehen vor der "Tecnam", einer zweimotorigen Chartermaschine, mit der sie über dem Mittelmeer nach Flüchtlingsbooten suchen. | © Bastian Schlange

Reportage Rettungsflieger finden bei erstem Einsatz drei Flüchtlingsboote

Mit Einsatzschiffen und mit Flugzeugen sucht die Rettungsorganisation "Sea-Watch" das Mittelmeer nach Flüchtlingsbooten ab, die in Not geraten.

Bastian Schlange

Eine Woche lang begleitet der Reporter Bastian Schlange auf Malta die Arbeit der Rettungsorganisation "Sea-Wach". Mit Einsatzschiffen und mit Flugzeugen suchen sie das Mittelmeer nach Flüchtlingsbooten ab, die in Not geraten. Gleich bei ihrem ersten Einsatz mit Flugzeugen entdecken die beiden Piloten der Sea-Watch-Maschine drei Flüchtlingsboote. Ruben Neugebauer von "Sea-Watch" stützt seine Ellenbogen auf den Glastisch, legt die Fingerspitzen zusammen. Noch ein Tag, noch ein Einsatz, dann muss das Flugzeug zurückkehren in die Schweiz. "Ich hatte gerade einen Anruf vom Militär", sagt der 26-Jährige und schaut die beiden Piloten ihm gegenüber ernst an. „Nach dem schlechten Wetter der vergangenen Tage soll es morgen wieder besser werden. Damit könnten neue Flüchtlingsboote auf See sein. Die Offiziere wollen wissen, ob wir fliegen. "Zusammen mit der Schweizer "Human Pilot Initiative" will die Rettungsorganisation "Sea-Watch" die libysche Küste aus der Luft überwachen – und so verhindern, dass Menschen ertrinken. Am 18. August war die "Tecnam", eine zweimotorige Chartermaschine, zum ersten Mal im Einsatz. Der erste Tag und direkt "die Feuertaufe". Über Funk kommen Notrufe rein, als sie das Einsatzgebiet erreichen. Flüchtlinge sind im Wasser. "Beim Reinfliegen haben wir schon gewusst: Verdammt, jetzt geht was", sagt der 31-Jährige Fabio Zgraggen, einer der beiden freiwilligen Piloten. Drei Holzboote können er und Walter Frei entdecken, entscheidende Erstsichtungen. Ein Erfolg für die Flieger – nachdem sie im Juli an der Bürokratie in Tunesien gescheitert waren. Sie hatten versucht einen Flieger von der Insel Djerba aus, ins Einsatzgebiet vor der libyschen Küste zu bekommen. Die Rettung der Flüchtlinge ist die Mission Jetzt haben sie einen Testlauf von Malta aus gestartet. "Was vorher ist und was nachher ist, ist Politik", sagt Walter Frei. Der 64-jährige Pilot hat mit seinem Schweizer Verein das Flugzeug zur Verfügung gestellt. "Dazwischen sind die armen Schweine auf den Booten. Und da können wir helfen." Walter Frei, seit 35 Jahren Fluglehrer, bedient am Steuerknüppel.Fabia Zgraggen sitzt als Einsatzleiter daneben, behält das Meer im Blick. "Es ist wichtig, die Aufgaben klar zu trennen", sagt Zgraggen. „Ich als Einsatzleiter habe die Mission im Blick", also die Rettung der Flüchtlinge. Der Pilot habe die Verantwortung für die Maschine und die Sicherheit." Wenn er ein Problem sieht, muss er abbrechen. Da ist die Luftfahrt gnadenlos. Nur Einsen und Nullen. Und dazwischen kein Spielraum. Klare Abläufe, feste Routine: Entdecken sie ein Boot, gehen sie von ihrer normalen Flughöhe von 3.000 Fuß auf 1.000 Fuß hinunter. Die Koordinaten der Flüchtlinge werden handschriftlich festgehalten, dazu Informationen wie Bootstyp, Zustand, Erkennungsmerkmale und eine ungefähre Zahl der Menschen. Bevor die Daten weitergeleitet werden, werden sie nochmal abgeglichen. "Ein Grad Abweichung können schnell 60 Seemeilen bedeuten", sagt Zgraggen. Per Textnachricht werden die Koordinaten über eine Satellitenverbindung dann an die Bodenstation geschickt. Ruben Neugebauer übernimmt dort die Koordination, leitet die Informationen ans MRCC, die Zentrale der italienischen Küstenwache zur Flüchtlingsrettung in Rom. In dringenden Fällen können die Flieger auch über Funk direkt mit den Einsatzschiffen Kontakt aufnehmen. Der ständige Austausch ist wichtig. Gerade in der aktuellen Situation. "Wir wurden in den vergangenen Tagen häufiger angefunkt, um unbekannte Boote zu identifizieren", sagt Zgraggen. Das Wetter lässt das Abheben häufig nicht zu Nach dem Angriff vor zwei Wochen auf die Bourbon Argos, dem Rettungsschiff von "Ärzte ohne Grenzen", liegen die Nerven der Retter blank. Die Piloten können schnell und gefahrlos Schiffe auskundschaften. Auch Flüchtlingsboote, die sich nahe der Zwölfmeilenzone zur libyschen Hoheitsgewässer befinden, können sie ohne Mühe bewerten: Ist eine sofortige Rettung in der gefährlichen Region notwendig? "Es ist schon heftig. Die große Weite des Meeres, so dunkel und bedrohlich, und die kleinen Nussschalen voller Menschen", sagt Zgraggen. Es sei frustrierend nicht jeden Tag in der Luft sein und helfen zu können. Doch das Wetter lässt es häufig nicht zu. Der letzte Einsatztag: Zgraggen, Frei und Neugebauer stehen am Rollfeld des Flughafens von Malta und diskutieren. Walter Frei schüttelt den Kopf. Das Wetter ist einfach zu schlecht. "Wir können nicht raus", sagt er bestimmt. An vier von acht Einsatztagen waren die Piloten in der Luft. An vier Tagen mussten sie am Boden bleiben. "Wir werden versuchen, sobald wie möglich wieder fliegen zu können", sagt Ruben Neugebauer. "Sea-Watch" und die "Human Pilot Initiative" arbeiten nun an Alternativen: Eine Kooperation mit einer Flugschule auf Malta und eine eigene, größere Maschine sind im Gespräch. Auch der Ultraleichtflieger auf Djerba ist noch eine Option. "Nächstes Jahr müssen wir eine Lösung haben", so Neugebauer.

realisiert durch evolver group