Ein Fischerboot wird auf dem Mittelmeer überprüft. - © Bastian Schlange
Ein Fischerboot wird auf dem Mittelmeer überprüft. | © Bastian Schlange

Reportage Seawatch-Helfer auf dem Mittelmeer: Was bisher geschah

Auftakt einer Reportagereihe: Auf See werden Retter und Flüchtlinge tagtäglich durch Tragödien vereint

Bastian Schlange

„Naiv ist es in der jetzigen Gesellschaft nur da zu sitzen, Däumchen zu drehen und zu denken, dass man damit durchkommt", sagt Ruben Neugebauer, den Blick aufs Mittelmeer gerichtet. Es ist abends. Wir sitzen am Strand von Djerba. Es waren Tage des Scheiterns. Fast einen Monat ist das jetzt her. Die Rettungsorganisation Sea-Watch hatte versucht mit einem Ultraleichtflugzeug von der tunesischen Insel in den Mittelmeerraum vor Libyen zu starten, um von dort, aus der Luft, die Einsätze auf See zu unterstützen. Bessere und unabhängigere Koordination, effektivere Hilfe, mehr Sicherheit für die Menschen auf den Booten. Zum Nichtstun verdammt Drei Wochen habe ich mit Ruben Neugebauer, dem Leiter des Projektes „Luftaufklärung", an der nordafrikanischen Küste verbracht und gewartet. Gewartet auf eine Sondergenehmigung der tunesischen Behörden. Gewartet in einem Land, dessen Sprache wir nicht richtig gesprochen haben, dessen Mentalität, Bürokratie und Gepflogenheiten uns fremd waren. Zum Nichtstun verdammt. Und die Routen der Flüchtenden kaum 50 Meilen vor uns auf dem Meer. Jetzt geht es von Malta weiter. Plan B. Treffender Plan N. Nach etlichen Alternativstrategien die Notlösung. Mit einer gecharterten Zweimotorigen von der anderen Seite des Mittelmeeres, von Südeuropa aus ins Einsatzgebiet. Gnadenloser Optimist „Ich zweifle nicht daran, dass wir unser Ziel erreichen werden", hatte mir Ruben auf Djerba immer wieder gesagt. „Nur der Weg dorthin kann etwas länger dauern." Der 26-Jährige, ein gnadenloser Optimist. Das Prinzip dabei: Machen. Wenn Plan A nicht funktioniert, einfach einen anderen Weg einschlagen und die Richtung im Groben beibehalten. Und das immer wieder. Immer in Bewegung. Kein Stillstand. Kein Aufgeben. Stück für Stück voran. Ich glaube, genau das ist es auch, was die Menschen hier auf dem Mittelmeer ausmacht: dieser Drang. Hoffnung. Wille. Ein Ziel. Retter wie Flüchtende. Dem gegenüber steht die tägliche Tragödie, die beide vereint. Das Sterben. Die größte humanitäre Katastrophe unserer Zeit. Über 10.000 Menschen sind in den vergangenen drei Jahren beim Versuch, Europa über die See zu erreichen, umgekommen. Und das Sterben geht weiter. Bereits jetzt haben so viele Menschen ihr Leben gelassen wie im gesamten vergangenen Jahr. Flüchtlingswege verschieben sich Ob Abkommen über Push-Backs oder Schließungen der Grenzen – immer wieder versucht es die EU, den Bewegungen von Afrika nach Europa Herr zu werden. Doch sobald eine Maßnahme zu greifen scheint, verschieben sich die Wege der Flüchtlinge. Die Routen sind dynamisch und so anpassungsfähig wie die Menschen selbst. Als Frontex 2011 die Grenzkontrollen zwischen Griechenland und der Türkei verstärkte, fiel zwar in den kommenden Jahren die Zahl der Flüchtlinge auf weniger als ein Viertel. Gleichzeitig verachtfachte sich aber die Zahl der Menschen auf dem Seeweg. Ein bequemer Selbstbetrug Auch die Schließung der Balkanroute im März diesen Jahres zeigte keine reale Wirkung. Es erleichterte uns lediglich, das „Flüchtlings-Problem" in Deutschland als gelöst zu empfinden. Schließlich geht hier die Zahl der Asylsuchenden seit Monaten zurück. Ein bequemer Selbstbetrug. Doch die Menschen verschwinden nicht, sie hören nicht auf, nach Wegen und Möglichkeiten auf ein sicheres und besseres Leben zu suchen. Mittlerweile kommen laut Frontex 13- bis 14-mal mehr Flüchtlinge von Libyen nach Italien als Migranten aus der Türkei nach Griechenland. Das Szenario ist zynisch. Gerade aus deutscher Sicht sollten wir das erkennen. Unsere Geschichte sollte gezeigt haben: Man kann Mauern errichten und Zäune ziehen, sogar zur Waffe greifen, aber Menschen niemals an ihrer Flucht hindern. Man wird nur mehr Todesopfer für den Preis der Freiheit einfordern. Hoffnung lässt sich nicht einsperren Hoffnung lässt sich nicht einsperren.Ich werde in den kommenden Tagen das Team von Sea-Watch auf ihrer Mission im Mittelmeer begleiten, von ihrer Arbeit und Flügen berichten. Ihre Sicht von oben auf die Geschehnisse teilen und die Geschichten hinter den Zahlen erzählen. In persönlichen Blogs, Reportagen und Videos. Begleitet mich.

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