Neben den Schmerzmitteln fanden die Journalisten eine Spielführerbinde, die Mannschaftskapitäne aller EM-Nationen tragen müssen. - © Jannik Jürgens/correctiv.org
Neben den Schmerzmitteln fanden die Journalisten eine Spielführerbinde, die Mannschaftskapitäne aller EM-Nationen tragen müssen. | © Jannik Jürgens/correctiv.org

EM 2016 Reporter finden Schmerzmittel im EM-Quartier der Ukraine

Spritzen und Infusionsbeutel zusammen mit Spielführer-Binde entsorgt / Mediziner warnen vor Folgen für Sportler

Jonathan Sachse
Jannik Jürgens

Daniel Drepper

Aix-en-Provence. In einem Mülleimer vor dem Hotel der ukrainischen Nationalmannschaft hat das Recherchezentrum correctiv.org einen Sack mit 14 Medikamenten, Spritzen und Infusionsbesteck gefunden. Zwischen den Medikamenten lag die Kapitänsbinde mit dem Schriftzug „No to racism – Respect", die die Spielführer aller Mannschaften bei dieser EM tragen.Bei den Medikamenten fallen sechs verschiedene Schmerzmittel und Entzündungshemmer auf. Sie lassen darauf schließen, dass der Einsatz von Medikamenten im Fußball verbreitet ist.Bei keinem der gefundenen Medikamente handelt es sich um eine Substanz, die auf der Liste verbotener Dopingmittel steht. Das bestätigt der Sprecher des Kölner Zentrums für präventive Dopingforschung Mario Thevis. Es handelt sich in erster Linie um Entzündungshemmer wie Diclofenac-Natriumlösung und Nimesulid. Außerdem ist Diphenhydramin dabei, ein Antiallergikum, das auch als Schlaf- und Beruhigungsmittel eingesetzt wird. Dazue eine Sorbex-Packung: Kohletabletten, die den Körper entgiften sollen. Außerdem Glucose-Infusionsbeutel. Wie ist diese Mischung an Substanzen zu bewerten?Verband, WADA und UEFA schweigen „Glucose-Infusionen sind nur in Notsituationen sinnvoll", sagt Perikles Simon, Leiter der Sportmedizin an der Universität Mainz. „Das kann für einen Diabetiker gelten, der an Unterzuckerung leidet oder einen Marathonläufer im absoluten Erschöpfungszustand." Aber für junge, gesunde Profi-Fußballer? Für die könnten solche Infusionen nur dann Sinn ergeben, wenn sie zum Beispiel in extremer Hitze spielen und akut den Zuckerspeicher im Körper aufstocken müssten.Davon kann in Frankreich aber keine Rede sein. In der Vergangenheit sind Dopingfälle in Verbindung mit Glucose bekannt geworden, weil bei der Infusion Glucose mit Insulin gemischt wurde. Das wäre verboten, sagt Simon. Ein Hinweis auf ein Insulin-Präparat fand sich im Müll der Ukrainer aber nicht.Der ukrainische Fussballverband wollte sich auf Anfrage von correctiv.org nicht zu dem Fund im Müll des Mannschaftshotels äußern. Auch die ukrainischische Anti-Dopingbehörde, die Welt-Anti-Doping-Agentur und die Uefa ließen entsprechende Anfragen unbeantwortet.Die Logik: "Reparieren, nicht heilen" Neben der Glucose-Infusion fallen vor allem die vielen starken Schmerzmittel auf. Im Müll der Ukrainer fand correctiv.org sechs unterschiedliche Präparate. „Der Begriff Schmerzmittel wäre eine Verharmlosung”, sagt der Heidelberger Pharmakologe Ulrich Schwabe auf Anfrage. „Die Wirkung der Mittel ist entzündungshemmend.”Schwabe war Mitglied der ersten Freiburger Dopingkommission, die die Vergabe leistungsfördernder Mittel durch Mitarbeiter der Universität Freiburg untersuchte. Er betont, dass die bei den Ukrainern gefunden Entzündungshemmer auch ein Nebenwirkungspotenzial haben.Den Direktor des Instituts für Sportwissenschaft an der Universität Tübingen, Ansgar Thiel, überrascht der offensichtlich massive Einsatz von starken Medikamenten bei der Fussball-Europameisterschaft nicht. Thiel forscht seit Jahren zum Gesundheitsmanagement von Spitzensportlern. „Krank oder gesund ist im Sport keine medizinische Diagnose, sondern die Frage, ob Sport möglich ist oder nicht", sagt Thiel. „Das medizinische Personal im Sport übernimmt diese Denklogik. Es geht nicht ums Heilen, sondern ums Reparieren."Müllabfuhr kommt "aus Sicherheitsgründen" nicht Ein internationales Turnier sei eine solch seltene Gelegenheit, da werde alles getan, um den Körper fit zu halten. „Solange Mittel nicht auf der Dopingliste stehen, haben die Sportler kein Unrechtsbewusstsein." Im Spitzensport herrsche eine Kultur des Schmerzes. Schon junge Sportler lernten, dass Schmerz kein Warnsignal sei, sondern überwunden werden muss. Die Kontrolle über das eigene Schmerzempfinden werde mit der Zeit häufig an den Trainer und die Betreuer abgegeben. „Der Trainer sagt, wann es nicht mehr geht. Nicht der Spieler."Insgesamt hat correctiv.org die Hotels von fünf EM-Teams aufgesucht, darunter die von drei Viertelfinalisten. Neben der Unterkunft der Ukraine waren die Reporter am Quartier der Schweizer Mannschaft und der Isländer. Dort haben sie keine verdächtigen Medikamente im Müll gefunden. Die Müllcontainer der Italiener und der deutschen Mannschaft waren nicht zugänglich.Die Teams haben zum Teil spezielle Vorkehrungen getroffen. Beispiel Italien: Die reguläre Müllabfuhr der Stadt Montpellier hat in den vergangenen drei Wochen nicht einmal das italienische Hotel angefahren. Die Müllmänner durften sich angeblich aus Sicherheitsgründen dem Hotel nicht nähern, sagte eine Mitarbeiterin des „Courtyard Marriott" Hotels, in dem die italienischen Fussballspieler übernachten.Erschreckender Fifa-Bericht Die Schweizer haben ihr Hotel in Juvignac, einem Vorort von Montpellier. Dort ist der Müll nur über einen umzäunten Parkplatz erreichbar. Rund 400 Kilometer nördlich liegt die Stadt Annecy am Fuße der Alpen. Hier hat mit Island die Überraschungsmannschaft des Turniers ihr zentrales Lager. Die Polizei ist auch am „Hotel les Tresoms" der Isländer auffällig präsent. Als ein Correctiv-Reporter ein Müllhäuschen am Personalparkplatz betritt und die ersten zwei Säcke anschaut, vergeht kaum eine Minute, bis der Sicherheitsdienst erscheint. Wenig später steht ein halbes duzend Polizisten um ihn herum. Sie nehmen seine Personalien auf.Es gibt zahlreiche Hinweise, dass die Einnahme von Medikamenten im Fußball weit verbreitet ist. In den vergangenen Jahren haben verschiedene Studien des Weltverbandes Fifa gezeigt, wie exzessiv Fußballer Schmerzmittel und andere Medikamente einsetzen.Bei der WM 2014 in Brasilien schluckten zwei von drei Spielern mindestens einmal im Turnier Medikamente, davon nahmen 40 Prozent vor jedem Spiel etwas.Bei einem Team hatte sogar jeder einzelne Spieler während des Turniers Medikamente genommen, darunter auch Ersatzspieler, die nicht eine einzige Minuten auf dem Feld standen. In diesem Team hatte jeder Spieler im Schnitt fast fünf verschiedene Medikamente genommen, schrieb die Fifa in einem Bericht. Zwei Spieler hatten sogar neun verschiedene Medikamente in den 72 Stunden vor dem Anpfiff genommen. Dabei betreffen diese Statistiken nur die offiziell dokumentierten Mittel, die jede Mannschaft an die Fifa melden muss.Verbot von Schmerzmitteln bisher abgelehnt Am beliebtesten waren dabei mit großen Abstand verschiedene Schmerzmittel und Entzündungshemmer. Jeder zweite Spieler griff zu diesen Präparaten. Je länger das Turnier dauerte, desto mehr Medikamente bekamen die Spieler. Die Fifa untersucht seit 2002 systematisch, welche Mittel die Spieler bei großen Turnieren nehmen. Selbst bei den Junioren-Weltmeisterschaften, von der U-20 bis runter zur U-17, nahmen 43 Prozent mindestens einmal während des Turniers Schmerzmittel.Immer wieder wird die Frage diskutiert, ob die Welt-Anti-Doping-Agentur Schmerzmittel nur mit Genehmigung zulassen sollte und alles andere als Doping werten müsste. Schließlich hätten Fußballer ohne Schmerzmittel oft nicht die Chance über ihre normale Leistungsfähigkeit hinaus zu gehen oder könnten teilweise vor Schmerzen gar nicht auf dem Platz stehen. Bislang spricht sich die Welt-Anti-Doping-Agentur gegen eine härtere Kontrolle oder ein Verbot von Schmerzmitteln aus.

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