Zeugnis einer längst vergangenen Zeit: Archäologe Sven Spiong präsentiert eine alte Scherbe aus dem Scharmeder Erdreich. - © Andreas Götte
Zeugnis einer längst vergangenen Zeit: Archäologe Sven Spiong präsentiert eine alte Scherbe aus dem Scharmeder Erdreich. | © Andreas Götte

Salzkotten Archäologe spricht über die Geheimnisse aus Scharmedes Boden

Ostwestfalens Chef-Archäologe Sven Spiong berichtet über die Funde unter dem Sportplatzgelände. Die ältesten haben fast 5.000 Jahre auf dem Buckel. Eine Ausstellung soll folgen

Andreas Götte

Salzkotten-Scharmede. Scharmede ist alt, aber längst nicht so alt wie vermutet. Das ist das Ergebnis der archäologischen Funde, die beim Bau des neuen Sportplatzes im Frühjahr 2016 entdeckt worden waren. Die Anzeichen für Höfe zeigen, dass Scharmede im späten achten Jahrhundert nach Christus entstanden sein muss. "Es gibt keine 2.000 Jahre alten Dörfer in Ostwestfalen-Lippe", stellte Sven Spiong, Leiter der Außenstelle Bielefeld der LWL-Archäologie für Westfalen, beim Informationsabend im alten Speicher auf dem Schultenhof klar. Eingeladen hatte der Bürger- und Heimatverein. 50 Interessierte hörten, dass sich damals trotz der schlechten Sandböden Menschen in Scharmede niedergelassen haben, weil weiter südlich Lößboden existierte und nördlich Weiden mit Frischwasser genutzt werden konnten. Was die Menschen damals gegessen hatten, vermag Sven Spiong nicht zu sagen. "Im Sandboden lassen sich keine Knochen finden", so der Archäologe. Gefunden wurden jedoch dunkle Flecken im Sand. Darin steckte so mancher interessante Fund wie beispielsweise Pfostenlöcher, die auf drei bis vier kleine Grubenhäuser hinweisen. Vollständigen Hofgrundriss entdeckt Zudem haben Archäologen zum ersten Mal in Scharmede einen vollständigen Hofgrundriss entdeckt. So ein Hof war früher zwischen 15 und 20 Meter lang und etwa sechs Meter breit. Die Grubenhäuser drumherum wurden zum Aufstellen eines Webstuhls genutzt. "Eine Hofplatzkontinuität über Jahrhunderte weist auf den Beginn eines Dorfes hin", erläuterte Spiong. Südlich von Scharmede seien drei Höfe nachgewiesen worden. Diese seien entweder im 12. Jahrhundert oder später im 14. Jahrhundert, dann als Einzelhöfe außerhalb der engen Dorfgemeinschaft, aufgegeben worden, so der Experte. Funde wie beispielsweise Spielsteine zeugen davon, dass die Siedler in Scharmede Tauschgeschäfte mit den Römern betrieben. Mangels Straßen gab es damals noch keinen organisierten Handel. "Der Hellweg wurde erst im 12. Jahrhundert zur Handelsstraße", klärt Spiong auf. Direkte kriegerische Auseinandersetzungen mit den Römern habe es nicht gegeben. Im Zuge der zwei Jahre dauernden Ausgrabungen, an denen auch Flüchtlinge in einem Integrationsprojekt teilgenommen haben, sind insgesamt drei Siedlungsphasen nachgewiesen worden. Das Forschungsgeld in Höhe von 25.000 Euro ist aufgebraucht. Waffe oder Axt Die ältesten Fundstücke in Scharmede sind fast 5.000 Jahre alt und stammen aus dem Ende der Jungsteinzeit. Gefunden wurde ein Keil, der rund 3.500 Jahre alt ist und als Waffe oder Axt benutzt wurde. Aus dem ersten Jahrhundert vor Christus stammen eine Brosche, eine keltische Münze und Gürtelteile. Auf das erste Jahrhundert nach Christus werden Gefäße mit Rollrädchen-Verzierungen und römische Bronzen datiert. Aus der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts stammen feines Tafelgeschirr und eine Löwenkopf-Applikation für einen Brustpanzer, aber auch damals typische Orakelstäbchen und importierte Glasfunde, typische Broschen und das Endstück einer Dolchscheide. Laut Sven Spiong werden die Ergebnisse in eine Masterarbeit an der Universität Bochum einfließen. Vorberichte sollen demnächst in der Heimatzeitschrift Die Warte erscheinen. Für 2019 ist zudem eine kleine Studienausstellung in der Wewelsburg geplant. Ortschronist Heinrich Bergmann zeigte sich beeindruckt: "Mit welch bewundernswerter Präzision früher gearbeitet wurde, macht mich sprachlos. Ich freue mich, dass die Menschen später länger hier in Scharmede geblieben sind." Spiong habe wegen seiner Verdienste eine goldene Ehrennadel verdient.

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