Kreative Köpfe: Nilgün Özel und ihre Ehemann Emin besitzen noch das Werbeschild, das Nilgün Özel 1992 zu ihrem Einzug in den frisch eröffneten Technologiepark anfertigen ließ. Es zeigt die junge Unternehmerin mit ihrem Arbeitsgerät, einem damals top-aktuellen Apple-Rechner. - © Hans-Hermann Igges
Kreative Köpfe: Nilgün Özel und ihre Ehemann Emin besitzen noch das Werbeschild, das Nilgün Özel 1992 zu ihrem Einzug in den frisch eröffneten Technologiepark anfertigen ließ. Es zeigt die junge Unternehmerin mit ihrem Arbeitsgerät, einem damals top-aktuellen Apple-Rechner. | © Hans-Hermann Igges

Paderborn Wie auch die Kinder von Gastarbeitern Erfolg haben können

Als Nilgün Özel ihren Ehemann Emin in ihrer Werbeagentur einstellte, hatte sie es geschafft

Hans-Hermann Igges

Paderborn. Knallroter Blazer, gemusterte Bluse, perfekt frisiert: Lässig lehnt die junge Frau, ihre Brille in der Hand, am Mac. Der Computer mit dem Apfel-Logo war auch vor 25 Jahren schon das Erkennungszeichen der Kreativen. Damals hatte die Geburtsstunde des Desktop Publishing, kurz DTP, des Publizierens vom Schreibtisch aus geschlagen. Texte, Fotos, Präsentationen, Werbebotschaften - das alles konnte man jetzt am Computer herstellen. Nilgün Özel wusste, wie. 1992 war es, da bekam die damals 32-Jährige den Tipp von der Paderborner Wirtschaftsförderung: Für den Technolgiepark, der vis-a-vis der Uni-Gesamthochschule geplant war, werde ein solches Dienstleistungsunternehmen gesucht. Nilgün Özel sitzt in einem Sessel der gemütlichen Besprechungsecke in ihrem ansonsten modern und zweckmäßig (natürlich immer noch mit einem der neuesten Desktop-Modelle der kalifornischen Computermarke) eingerichteten Büro - und erinnert sich: "Also gründete ich zum 15. Juli 1992 die Firma Nilgün Özel Marketing Service. Ich bin damals mit einer festen und einer freien Mitarbeiterin in das Gemeinschaftsbüro von Technologiepark-Gesellschaft und der Technologieförderungsgesellschaft der Universität eingezogen. Wir hatten nur ein kleines eigenes Zimmer, aber dafür den Vorteil der kurzen Wege." Dabei hatte sie die eigene Firma schon 1991 gründen wollen. Damals arbeitete sie für die Nixdorf Computer AG, die gerade von Siemens übernommen wurde. Damit hatte sich ihr Arbeitsumfeld für sie wenig befriedigend verändert. Als studierte Wirtschaftswissenschaftlerin mit Schwerpunkt Wirtschaftsinformatik und einer Ausbildung als Physikalisch-Technische Assistentin hatte Nilgün Özel zwar eine solide Ausbildung vorzuweisen. "Als türkische Staatsangehörige musste ich in Deutschland aber zunächst eine Zeit sozialversicherungspflichtig beschäftigt sein, bevor ich mich selbständig machen durfte. Die eineinhalb Jahre bei Nixdorf waren dafür zu wenig", erinnert sie sich. Die Lösung lag in der Familie: Ihr Mann Emin (55), damals im Vertrieb einer Firma für Computerdrucker, stellte sie für die fehlenden Monate ein. Mit dem Wachsen des Technologieparks etablierte sich auch Nilgün Özel mit ihrem Büro. Datenmaterial und Informationen grafisch ansprechend aufzubereiten - das war ihre Marktlücke. 1994 kam der Durchbruch: Für eine Baumarktkette in Bremen entwickelte sie auf Datenbank-Grundlage eine an die mittelständische Zielgruppe angepasste Art der Erstellung von Prospekten. Nilgün Özel: "Vorher musste man dafür umständlich Dia für Dia von jedem Produkt einscannen. Möglich, dass es der unbeschwerte Gründergeist hier im Technolgiepark war, der mich die Sache ohne die Vorbehalte anderer angehen ließ." Mit dem Erfolg kam auch ihr Mann, den sie an der Uni Paderborn kennen gelernt hatte, in die Firma. Nilgün Özel: "Er hatte vorher gesagt, er steige ein, wenn ich ihn mir leisten könne." Jetzt konnte sie es. Wenn auch zunächst nur als Halbtagskraft. Nilgün Özel: "Das war uns sogar recht, denn so konnte er sich mehr um unseren Sohn und den Haushalt kümmern." 1996 gründeten beide die Özel Agentur für Design & Marketing GmbH, die florierte und vier Jahre später sogar ein eigenes Bürogebäude im Technologiepark errichtete. Bis zu 45 Mitarbeiter waren danach für die Firma tätig. Heute sind es noch 15 - das Geschäft hat sich gewandelt: Einerseits gibt es die wichtigen Paderborner Großkunden Minipreis und Marktkauf nicht mehr. "Und zum anderen arbeiten wir mehr mit freien Mitarbeitern", sagt Nilgün Özel. Dafür habe sich die Firma zunehmend zu einer "Full service Agentur" entwickelt. Nilgün Özel: "Heute ist es selbstverständlich, dass man passend zu Prospekten auch den Internetauftritt gestaltet oder auf Facebook präsent ist." Im Technologiepark geblieben zu sein, habe der Firma über die Jahre jedenfalls gut getan, sagt sie und fügt hinzu; "Wenn ich für einen Kunden eine App entwickeln lassen will, dann muss ich nicht umständlich im Netz danach suchen, sondern werde schon vor der Haustür fündig." Ihre Erfahrungen aus der Zeit der Unternehmensgründung beurteilt die Unternehmern als positiv: "Wahrscheinlich hatte ich immer zur richtigen Zeit das Glück, die richtigen Menschen zu treffen", sagt sie. Sie habe damals wohl eine Art Welpenschutz genossen, vermutet sie. Womöglich sogar geholfen habe ihr, eine junge Frau und gleichzeitig Ausländerin gewesen zu sein: "So bin ich aufgefallen." An negative Erfahrungen speziell als Türkin kann sie sich jedenfalls nicht erinnern. "Klar, ich weiß nicht, welche Aufträge uns deshalb entgangen sind. Ich habe aber bewusst meinen Namen in den Firmennamen hinein genommen", sagt die 1966 als Sechsjährige aus der Türkei mit ihrer Familie ins sauerländische Marsberg gekommene Paderbornerin, die auch ihren türkischen Pass nicht missen möchte. So hätten Interessenten, die damit ein Problem hatten, gleich Bescheid gewusst. Nilgün Özel: "Das ersparte mir vielleicht einige Peinlichkeiten." Jungen türkisch-stämmigen Gründern rät sie, ihre Ideen mutig und mit Selbstbewusstsein anzugehen. Sie sagt: "Man darf ruhig darauf vertrauen, dass einen die deutsche Gesellschaft akzeptiert." Für sie sei es jedenfalls ein "tolles Gefühl", zum wiederholten Mal zum traditionellen Libori-Mahl der Libori Gilde Paderborn anlässlich der Liboriwoche eingeladen zu werden. Wichtig sei allerdings auch, sich sozial zu engagieren. Und das lebt die in zahlreichen Verbänden und Vereinen aktive Unternehmerin reichlich vor.

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