Paderborn "Die Diagnose Demenz macht Angst"

Ulrike Kamphues-Janson, Pflegedienstleiterin im Altenheim St. Johannisstift Paderborn, im Interview

Ulrike Kamphues-Janson (48) arbeitet seit elf Jahren als Pflegedienstleiterin. Am St. Johannisstift in Paderborn ist sie seit 2009. - © FOTO: MARC KÖPPELMANN
Ulrike Kamphues-Janson (48) arbeitet seit elf Jahren als Pflegedienstleiterin. Am St. Johannisstift in Paderborn ist sie seit 2009. | © FOTO: MARC KÖPPELMANN

Paderborn. Etwa jeder achte Mensch, der älter als 65 Jahre ist, leidet im Kreis Paderborn an Demenz - Tendenz steigend. Ulrike Kamphues-Janson kennt sich mit der Krankheit aus. Denn zum Altenheim St. Johannisstift gehört auch eine Einrichtung, in der 70 Menschen mit Demenz wohnen: das Sophie-Cammann-Haus. Anlässlich des Weltalzheimertags sprach NW-Redakteurin Katharina Bätz mit Kamphues-Janson über die Angst vor Demenz, den Umgang mit der Krankheit und das Leben unter neuen Voraussetzungen.

Frau Kamphues-Janson, haben Sie Angst davor, selbst einmal dement zu werden?

ULRIKE KAMPHUES-JANSON: Das kann man so nicht sagen. Vor Demenz im Anfangsstadium hätte ich Angst, denn man ist sich zu diesem Zeitpunkt im Klaren darüber, was alles noch kommt. Man weiß sehr wohl, dass man Dinge vergisst, und das ist nicht sehr angenehm. Vor dem fortgeschrittenen Stadium hätte ich aber keine Angst. Man kann in den Tag hinein leben und nimmt jeden Tag so, wie er kommt.

Wie nehmen es Menschen auf, wenn sie erfahren, dass sie an Demenz erkrankt sind?

KAMPHUES-JANSON: Es ist nicht die Regel, dass die Menschen dazu offen Stellung beziehen. Bei uns im Sophie-Cammann-Haus nehmen wir vielmehr Menschen wahr, die eine Fassade aufbauen und so versuchen, die Krankheit erst einmal von sich zu schieben. Sie lassen sich immer wieder Begründungen dafür einfallen, dass sie etwas vergessen haben. Dieser Fassadenaufbau ist anstrengend und zeigt, dass man sich nicht aktiv mit seiner Krankheit auseinandersetzen möchte.

Ab welchem Alter kommt Demenz besonders häufig vor?

KAMPHUES-JANSON: Am häufigsten sind Altersdemenzen jenseits der 80. Natürlich gibt es auch Demenzen, die schon sehr früh vorkommen. Mit 45 ist es durchaus möglich, eine Demenz zu entwickeln. Bei uns leben aber hauptsächlich Menschen mit Altersdemenz.

Von Alzheimer oder einer anderen Form der Demenz sind derzeit rund 1,4 Millionen Männer und Frauen in Deutschland betroffen. Weil die Gesellschaft immer älter wird, werden es 2050 vermutlich rund 3 Millionen sein. Bereitet Ihnen das Sorgen?

KAMPHUES-JANSON: Nein. Wir müssen uns aber auf diese Erkrankung sehr gut einstellen. Wir müssen weiter dafür Sorge tragen, dass Einrichtungen geschaffen werden, die sich speziell mit dieser Thematik befassen und Energie darauf verwenden, die Welt eines dementen Menschen zu verstehen.

Wird es dafür denn auch in Zukunft genügend Fachpersonal geben? Der Beruf als Altenpfleger ist für viele nicht besonders attraktiv.

KAMPHUES-JANSON: Wir sind im Vergleich noch recht gut unterwegs. Den Fachkräftemangel bekommen wir noch nicht so zu spüren, was aber auch daran liegt, dass wir selbst die Ausbildung zum Altenpfleger oder der Altenpflegerin anbieten und versuchen, die Leute nach der Ausbildung zu übernehmen. Ich stöhne zwar manchmal über mangelnde Bewerbungen, aber wenn ich zum Beispiel Kollegen im Ruhrgebiet höre, dann geht das noch. (lacht)

In welchem Stadium der Demenz befinden sich die Menschen, die im Sophie-Cammann-Haus aufgenommen werden?

KAMPHUES-JANSON: Wir betreuen demente Menschen ab dem mittleren Stadium. Betroffene, die sich noch im anfänglichen Stadium befinden, und sich noch im Klaren darüber sind, was mit ihnen los ist, wären hier deplatziert, weil die Demenz einfach viel zu präsent ist.

Wie sieht die Betreuung der Bewohner aus? Oft verspüren Demenzkranke ja den Drang, das Haus zu verlassen und zum Beispiel einfach spazieren zu gehen.

KAMPHUES-JANSON: Wir stellen fest, dass es für einen Bewohner nicht mehr so wichtig ist, irgendwohin zu müssen, wenn er unser Haus als sein Zuhause ansieht. Wenn jemand gehen möchte, können wir ihm natürlich nicht sagen: "Bleiben Sie hier, Sie werden sich nicht zurechtfinden." Wir versuchen deswegen, die Pläne des Bewohners zu verallgemeinern, um ihn abzulenken. Anlügen darf man ihn dabei aber auf keinen Fall.

Man sagt, dass für Demenzkranke oft der Unterschied zwischen Vergangenheit, Traum und Realität verschwimmt. Stimmt das?

KAMPHUES-JANSON: Es ist so, dass ein Betroffener viele Zusammenhänge schlichtweg gar nicht mehr erfassen kann. Man vergisst vielleicht, dass man sich nach dem Aufstehen noch nicht gewaschen hat, behauptet aber das Gegenteil. Der Betroffene kann die Dinge nicht mehr so einordnen, wie wir das tun, und das ist sehr irritierend für ihn.

Wie reagieren Angehörige auf die Diagnose Demenz?

KAMPHUES-JANSON: Angehörige haben zum Teil große Angst vor der neuen Situation, denn plötzlich wird zum Beispiel die Tochter zur Mutter. Da ist auch ganz, ganz viel Traurigkeit zu spüren und nicht selten fließen Tränen. Denn man muss als Angehöriger so viele Kräfte freischaufeln und irgendwann kommt einfach der Zeitpunkt, wo man zusammenbricht.

Aber auch dann tun sich viele Angehörige noch schwer, ihre Mutter oder ihren Vater in Pflege zu geben...

KAMPHUES-JANSON: Da spielt natürlich vor allem das schlechte Gewissen eine Rolle. Außerdem verfügen viele Betroffene noch über eine wahnsinnige körperliche Fitness und haben noch viele helle Momente. Und da fällt man ungern die Entscheidung, die eigene Mutter oder den eigenen Vater in eine Einrichtung zu geben.

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