Kranzniederlegung an der Alten Synagoge: Monika Schrader-Bewermeier, Bürgermeister Heinz Paus und der Literaturwissenschaftler Hartmut Steinecke. Der Novemberpogrom 1938 zeigte auch in Paderborn erstmals das Ausmaß der Gewalt gegen Juden. - © Marc Köppelmann
Kranzniederlegung an der Alten Synagoge: Monika Schrader-Bewermeier, Bürgermeister Heinz Paus und der Literaturwissenschaftler Hartmut Steinecke. Der Novemberpogrom 1938 zeigte auch in Paderborn erstmals das Ausmaß der Gewalt gegen Juden. | © Marc Köppelmann

Paderborn Paderborner gedenken der Reichspogromnacht

Hartmut Steinecke unterstreicht die Bedeutung der Literatur im Erinnerungsprozess

Sabine Kauke

Paderborn. Am Mahnmal für die ermordeten Paderbornern Jüdinnen und Juden wurde Donnerstagabend anlässlich des 79. Jahrestages des Novemberpogroms diesen Opfern der Nazi-Diktatur gedacht. Der Paderborner Literaturwissenschaftler Hartmut Steinecke rückte die Erzählung "Kristall und Schäferhund" der vor 100 Jahren in Paderborn geborenen, deutsch-israelischen Schriftstellerin Jenny Aloni ins Zentrum seiner Gedenkrede. Jenny Aloni, geborene Rosenbaum, deren Elternhaus an der Bachstraße in der Reichspogromnacht erheblich verwüstet wurde ("Haufen von Scherben aus Kristall, Porzellan und Glas", heißt es in ihrer Erzählung) spielt eine wichtige Rolle im Prozess des Umgangs der Stadt Paderborn mit der nationalsozialistischen Zeit. Aloni habe "als eine der ersten Schriftsteller überhaupt den Novemberpogrom in den Mittelpunkt einer literarischen Erzählung gestellt, die eigenes Erleben und historische Fakten eindrucksvoll und spannend miteinander verbindet", so Steinecke. Bedeutung der Literatur im Erinnerungsprozess Und an dieser Erzählung, die Aloni 1963 zum 25. Jahrestag des Novemberpogroms, auch basierend auf Tagebucheinträgen geschrieben hat, lasse sich zeigen, welche besondere Rolle die Literatur im Erinnerungsprozess an ein historisches Ereignis spielen kann. "Die Literatur kennt einen anderen Zugang zur Geschichte und zur Erinnerung", sagte Steinecke. Sie schildere, was geschehen ist, könne zudem aber wesentlich dazu beitragen, wie etwas erinnert wird. Und sie kann Gefühle und Gedanken der Menschen wiedergeben, die Mentalitäten beschreiben. "Diese sehr realen Scherben, das ,böse Funkeln des Kristalls' werden auch zu Symbolen für das Ereignis, im Volksmund Kristallnacht genannt, und zudem für all das, was in dieser Nacht in Scherben gegangen ist: die bürgerliche Sicherheit der Juden, der Traum einer deutsch-jüdischen Symbiose". Alonis Erzählung lasse auch an gegenwärtigen Antisemitismus oder Israel-Hass denken. Speicher der Erinnerung Parolen der AfD könnten dann Erfolg haben, wenn sie auf eine wachsende Geschichtsvergessenheit in Deutschland treffen, warnte der Literaturwissenschaftler, der 1992 das Jenny-Aloni-Archiv gründete: "Je weniger Menschen noch von historischen Arbeiten erreicht werden, desto wichtiger wird die Rolle der Literatur als Speicher der Erinnerung an die Verbrechen der Shoah." Laut einer aktuellen Umfrage wüssten 54 Prozent der 14- bis 16-Jährigen den Begriff Lager Birkenau nicht einzuordnen. Auch Bürgermeister Michael Dreier warnte vor dem Vergessen und appellierte, für die Rechte von Minderheiten einzustehen. "Es gibt inzwischen zu viel Gleichgültigkeit", befürchtete Monika Schrader-Bewermeier, Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, die die Gedenkfeier gemeinsam mit der Stadt veranstaltete. Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Theodorianum verlasen die Namen der 112 ermordeten Juden, die Big-Band der Schule übernahm die musikalische Gestaltung.

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