Holocaust-Überlebende Rozette Kats auf einer Veranstaltung der HNF-Gesamtschule. - © Mareike Gröneweg
Holocaust-Überlebende Rozette Kats auf einer Veranstaltung der HNF-Gesamtschule. | © Mareike Gröneweg

Paderborn Wie Rozette Kats den Holocaust als Kind überlebte

Heinz-Nixdorf-Gesamtschule: Rozette Kats erzählt Schülern von ihrer traumatischen Kindheit und wie sie versteckt überlebte

Mareike Gröneweg

Paderborn. Es ist still in der Aula. Die Schüler der neunten und zehnten Klasse der Heinz-Nixdorf-Gesamtschule hören Rozette Kats aufmerksam zu. Die 75-Jährige überlebte den Holocaust – und zwar als Baby. Geboren wurde sie 1942 in Amsterdam, um anschließend bei Adoptiveltern versteckt zu werden. Der Hintergrund: Die Nationalsozialisten durften nicht erfahren, dass sie Jüdin ist. Am 9. November, einem historisch vielfältig geprägten Erinnerungstag, vermittelte Kats den Schülern als Zeitzeugin eine Perspektive auf Ereignisse, die sie sonst nur aus Geschichtsbüchern kennen. Die Wahrheit über sich, ihre Geschichte, den Mord an ihren Eltern und dem Großteil ihrer Verwandten erfuhr Rozette Kats erst als Sechsjährige. Bis dahin dachte die Niederländerin, sie hieße Rita van der Weg und ihre Adoptivmutter sei auch die Person, die sie geboren hat. Doch ihre Eltern wurden als Juden während des nationalsozialistischen Regimes deportiert und starben beide im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Dieses Schicksal teilen die meisten von Kats Angehörigen. Da sie jedoch mitten im Krieg zur Welt kam, sahen ihre leiblichen Eltern die Chance, das Baby zu verstecken und ihr Leben zu retten. Doch das jahrelange Leben unter falschem Namen und die Verdrängung ihrer Identität traumatisierten Rozette Kats: „Als meine Adoptiveltern mir die Wahrheit sagten, verlor ich alle Sicherheit. Von da an war ich ein braves, angepasstes Kind. Ich sagte nie nein, denn ich hatte Angst, doch noch abgeschoben zu werden." Ihr Onkel überlebte auch Die Auseinandersetzung mit den eigenen Schicksalsschlägen zog sich durch ihr ganzes Leben. Da ihr Onkel der einzige weitere Überlebende der Familie war, wurde ihm die Vormundschaft für Rozette Kats übertragen. Sie lebte zwar bei ihren Adoptiveltern, verbrachte aber Urlaube bei ihrem Onkel und fing mit 12 Jahren erstmals an, ihn nach der Vergangenheit zu befragen. Doch über die Gräueltaten und Ermordungen seiner Geschwister konnte er nicht reden. Von ihrer Adoptivmutter erhielt Kats mit 18 Jahren ein Geschenk, das die erste direkte Verbindung zu ihren biologischen Eltern zog: Sie bekam die zwei Eheringe sowie eine Uhr ihrer leiblichen Mutter. Die Uhr trägt Kats täglich, obwohl sie kaputt ist. Den einen Ehering tauschte sie für eine Kette ein, den anderen ließ sie zu einem Davidstern einschmelzen und hängte ihn an die Kette. Auch wenn sie das heute bereut: „Wie gerne hätte ich jetzt diese Eheringe meiner Eltern. Damals konnte ich mir nicht vorstellen, sie zu tragen." Sowohl ihre Adoptiveltern als auch ihr Onkel versuchten Rozette Kats zu schützen, indem sie aus ihr eine nichtjüdische Person, also Rita van der Weg, machten. Über die Vergangenheit und den schmerzlichen Verlust durfte man nicht sprechen. Diese Verdrängung hängt ihr bis heute nach: „Redet über eure Sorgen und Probleme", fordert sie die Schüler auf. „Mir war das verboten." Tagung von Holocaust-Überlebenden Ein Schlüsselmoment für die Aufarbeitung ihrer eigenen Geschichte erlebte sie mit über 50 Jahren. Es war eine Tagung von Holocaust-Überlebenden in den Niederlanden. Sie alle wuchsen untergetaucht auf und lebten lange mit einer falschen Identität. Das Gemeinschaftsgefühl und die Erkenntnis, dass auch andere Holocaust-Überlebende mit ihrer Geschichte kämpfen, halfen Rozette Kats. Danach veränderte sich ihr Denken und ihr Alltag völlig: „Man könnte sagen, dass mein Leben erst 1992 mit 50 Jahren richtig angefangen hat." Erst musste sie ihre Identität finden und akzeptieren, um sich dann ein eigenes Leben aufzubauen. Ihre Adoptiveltern bedeuteten ihr immer sehr viel, sie waren ihre Familie. Deshalb setzte sich Kats dafür ein, dass die beiden auf der „Liste der Gerechten unter den Völkern" in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem erwähnt werden. Mit diesem Titel werden nichtjüdische Personen geehrt, die unter nationalsozialistischer Herrschaft ihr Leben einsetzten, um Juden vor der Ermordung zu retten. Heute lebt die 75-Jährige in Amsterdam und redet seit Jahren vor Schülern und in Gedenkstätten, um ihre Vergangenheit mit der Öffentlichkeit zu teilen und aufzuklären. Am Mittwochabend sprach sie im Kreismuseum Wewelsburg.

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