Ziehen gegen das Land NRW zu Felde: Robert P. und sein Rechtsanwalt André Pleßner (v. l.). - © Jutta Steinmetz
Ziehen gegen das Land NRW zu Felde: Robert P. und sein Rechtsanwalt André Pleßner (v. l.). | © Jutta Steinmetz

Paderborn Paderborner verklagt das Land NRW

Das Land NRW hält das Arbeitsverhältnis für "sinnentleert" und hat Robert P. zum 31. Dezember gekündigt

Jutta Steinmetz

Paderborn. Vor fast zwei Jahren hat Robert P. seinen Sohn verloren. Urplötzlich und ohne feststellbare Ursache starb der 16-Jährige. Die Ärzte sprachen vom „späten plötzlichen Kindstod". Seitdem muss der Paderborner kämpfen – gegen Trauer und Schmerz und jetzt auch noch gegen seine Entlassung aus dem öffentlichen Dienst. Der 49-Jährige kann seit dem Tod seines Kindes nicht mehr, wie er es 16 Jahre lang getan hat, jungen Strafgefangenen die Grundlagen des Maler- und Lackiererberufes beibringen. Und so hält sein Arbeitgeber, das Land Nordrhein-Westfalen, das Arbeitsverhältnis für „sinnentleert". Es hat Robert P. zum 31. Dezember gekündigt. Dagegen zieht der Paderborner jetzt zu Felde. Er klagt vor dem Arbeitsgericht gegen seine Entlassung. Erinnerung an seinen Sohn Als Robert P. von dem Tod seines Sohnes erzählt, kommen ihm die Tränen. Das passiere ihm oft, erklärt er. Egal, ob ein Lied im Radio läuft oder ein Martinshorn zu hören ist, – die Erinnerung an seinen Sohn, an den plötzlichen Verlust, der selbst nach zwei Obduktionen unerklärlich blieb, überfällt den 49-Jährigen immer wieder aus dem Nichts heraus. Dann fließen die Tränen, völlig unvorhersehbar, völlig unkontrolliert. Keine guten Voraussetzungen, um im offenen Vollzug der Justizvollzugsanstalt (JVA) Hövelhof junge Straftäter auszubilden. Das hat Robert P. selbst gemerkt, als er nach einer langen, von einem Psychologen begleiteten Auszeit versuchte, seine Arbeit wieder aufzunehmen. Er habe sich seinem Platz in der Ausbildungshalle in der JVA noch nicht einmal nähern können, erzählt er. „Es war, als würde ich vor eine Glaswand laufen." Seitdem ist der 49-Jähriger weiter krankgeschrieben. Kein Kontakt zu jungen Strafgefangenen Für die Ärzte des Paderborners, aber auch für die Amtsärztin, die ihn auf seine eigene Initiative hin untersucht hat, steht fest: P. ist zwar arbeitsfähig, aber er kann nur arbeiten, wenn er keinen Kontakt zu jungen Strafgefangenen hat. Er sollte möglichst keine pädagogischen Aufgaben erfüllen müssen, sind sich die Mediziner einig. Eine Vorgabe, die man beim Land NRW sehr wohl hörte, aber letztlich als Grund nutzte, Robert P. zu kündigen. Er könne seine „vertraglich zugesicherte Leistung" nicht erbringen, teilte man ihm mit. Eine andere Stelle als die des Ausbilders in der JVA Hövelhof habe man für ihn nicht. „Das ist ein Skandal", sagt Rechtsanwalt André Pleßner, der die Interessen des 49-Jährigen vertritt. Er hält es für unmöglich, dass das Land, das rund 34.000 Mitarbeiter beschäftigt, keinen passenden Arbeitsplatz für den Paderborner finden kann. Mehrfach habe er darauf hingewiesen, dass sein Mandant als Handwerksmeister eine weitgefächerte Qualifikation mitbringe, an die in mehrfacher Hinsicht angeknüpft werden könne. Der 49-Jährige könne auf einem Bauhof ebenso eingesetzt werden wie als Hausmeister. Er habe einen LKW-Führerschein, könne aber auch im kaufmännischen Bereich um- und weitergebildet werden. „Es ist eine Frage des Wollens", sagt Pleßner. Arbeitgeber hat Fürsorgepflicht Dass sich das Land nicht rührt, ist für ihn ein Unding. „Ein Arbeitgeber hat für seine Arbeitnehmer eine Fürsorgepflicht. Und die besteht für den Staat aus ethischen Gründen in besonderer Weise", sagt er und macht eine deutliche Schieflage aus. „Für Beamte wird gesorgt, für Angestellte nicht." Dabei ist Arbeit für Robert P. nicht nur wichtig als Broterwerb, als Sicherung seiner Gegenwart und Zukunft, sondern vor allem wichtig für seine Seele. „Ich will wieder zu Kräften kommen, wieder den eigenen Wert erkennen, wieder spüren, dass ich jemand bin." Und er ist überzeugt: Arbeit würde ihm helfen, mit dem Verlust seines Sohnes endlich fertig zu werden. Das Justizministerium will mit Blick auf das schwebende Verfahren zurzeit keine Stellungnahme abgeben.

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