Auf dem Gehöft in Höxter-Bosseborn kam Opfer Anika W. ums Leben, ihre Asche sollen die Angeklagten an Straßenrändern verstreut haben. - © Jens Reddeker
Auf dem Gehöft in Höxter-Bosseborn kam Opfer Anika W. ums Leben, ihre Asche sollen die Angeklagten an Straßenrändern verstreut haben. | © Jens Reddeker

Paderborn/Höxter Foltermorde: Staatsanwalt rückt vom Vorwurf des vollendeten Mordes ab

Vorbestrafter Angeklagter soll von Zeugin Abtreibung des gemeinsamen Kindes gefordert haben

Jürgen Mahncke

Paderborn/Höxter. Im Prozess um die Foltermorde von Höxter-Bosseborn ist der Staatsanwalt nach dem 27. Verhandlungstag vom Vorwurf des vollendeten Mordes im Fall des zweiten Opfers abgerückt. "Ich gehe im Fall von Anika W. nach dem Gutachten nur noch von einem versuchten Mord durch Unterlassen aus", sagte Oberstaatsanwalt Ralf Meyer am Rande des Prozesses gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. In der vergangenen Woche hatte Meyer bereits eingeräumt, dass auch beim Opfer Susanne F. der Nachweis eines vollendeten Mords durch Unterlassen nicht mehr zu führen sei. Der Tod von Anika W. war erst durch die Aussage der angeklagten Angelika W. bekannt geworden. Das Gutachten hatte Gerichtsmediziner Bernd Karger entsprechend nur anhand der Aussagen von Angelika W. erstellt. Laut dieser, war Anika W. auf dem Gehöft in Bosseborn zu Tode gekommen, von den Angeklagten zunächst eingefroren, anschließend zerstückelt und dann verbrannt worden. Die Asche soll laut Angelika W. an Straßen- und Wegrändern verstreut worden sein. Karger tat sich erkennbar schwer, konkrete Rückschlüsse auf die Todesumstände zu ziehen. Es sei schwierig zu klären, ob Angelika und Wilfried W. die lebensgefährlichen Verletzungen hätten erkennen müssen. Dafür gebe es lediglich Anhaltspunkte. Zeugin: "Sollte mein Kind abtreiben" Anika W. soll durch die Folterungen so geschwächt gewesen sein, dass sie eines Tages auf den Kopf stürzte. Der Gutachter vermutet, dass dies die entscheidende Verletzung war, die zum Tode führte. Allerdings könne er keine gesicherten Aussagen über die Schwere der Verletzungen machen. Für einen versuchten Mord durch Unterlassen wird im Gesetz ein geringeres Strafmaß veranschlagt. Eine Zeugin hatte Wilfried W. zuvor erneut belastet. Die frühere Lebensgefährtin des Angeklagten sagte aus, W. habe gewollt, "dass ich das Kind abtreibe", das die beiden miteinander gezeugt hätten. Zunächst sei, ähnlich wie im Falle anderer Lebensgefährtinnen von Wilfried W., alles normal gewesen. Nach zwei Monaten habe W. die Zeugin gebeten, zu ihr zu ziehen. Als W. jedoch von der Schwangerschaft erfahren habe, sei "schlagartig alles zu Ende" gewesen. Die Nachricht von der Geburt seiner Tochter habe W. nicht interessiert, der jedoch einen "bösen Brief" geschrieben habe. Es sei "unverschämt", ihm anzubieten, das Kind kennenzulernen. Parallelen zu früherer Verurteilung Dennoch, so die Zeugin, sei sie überrascht über das Ausmaß der Folterungen und Quälereien, die W. anderen Frauen angetan haben soll. Während ihrer dreimonatigen Beziehung sei "nie etwas gewesen". Es wundere sie, dass er sich so verändert habe. Nach der Zeugenaussage zitierte Richter Bernd Emminghaus aus dem Urteil in einem anderen Prozess gegen Wilfried W. wegen gefährlicher Körperverletzung aus dem Jahr 1995. Darin zeigen sich auffällige Parallelen zu den aktuellen Vorwürfen gegen W. Auch damals lebte W. mit zwei Frauen zusammen, von denen eine hoffte, die Anwesenheit der anderen würde ihr die Misshandlungen des Angeklagten ersparen. Wilfried W. bestritt damals wie heute, an den Quälereien direkt beteiligt gewesen zu sein. Er wurde zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und 9 Monaten verurteilt. Gutachten zu Wilfried W.s Gesundheit Überraschend sprach Karger auch über das von der Verteidigung geforderte Gutachten zu Wilfried W.s körperlicher Gesundheit. Der hatte angegeben, Angelika habe ihn während der gemeinsamen Zeit attackiert. Dem Gutachter legte er eine medizinische Bescheinigung vor, die Wunden mit Glassplittern belegen. Laut Bernd Karger könnten diese tatsächlich von einem tätlichen Angriff stammen und nicht, wie von Wilfried 2003 bei der Polizei angegeben, von einem Autounfall. Wilfried will damals gelogen haben. Letztlich ist die genaue Herkunft der Wunden laut Karger aber "alles nur Spekulation". Das psychiatrische Gutachten über Wilfried W., das dem Gericht vorliegt, bescheinigt dem Anklagten volle Schuldfähigkeit. Gutachter Michael Osterheide diagnostiziert eine sadistische und dissoziale Persönlichkeitsstörung bei Wilfried W. und empfiehlt im Falle einer Verurteilung eine Sicherheitsverwahrung nach Verbüßen einer Haftstrafe. Der Liveticker zum 27. Verhandlungstag vor dem Landgericht Paderborn:

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