Spannungsgeladen: Die "boygroup" aus Berlin (TanzZwiET) sorgten mit "Psycho" für gruselige Momente und Break-Einlagen. - © Ann-Britta Dohle-Madrid
Spannungsgeladen: Die "boygroup" aus Berlin (TanzZwiET) sorgten mit "Psycho" für gruselige Momente und Break-Einlagen. | © Ann-Britta Dohle-Madrid

Paderborn Deutschlands Jugend tanzt in Paderborn

35 Jugendgruppen tanzen beim Bundesfinale in Paderborn

Ann-Britta Dohle

Paderborn. In den Räumlichkeiten der Paderborner Schützenhalle startete am Donnerstag der 7. Bundeswettbewerb "Jugend tanzt". 35 Gruppen hatten sich im Vorfeld bei den Landeswettbewerben qualifiziert und gingen an zwei Tagen mit 50 Wertungsbeiträgen an den Start. Während sich draußen bei strahlender Sonne viele Tanzgruppen aus ganz Deutschland im "Happening-Feeling" schon mal warm machten, wurde es ab 15 Uhr im Inneren der Schützenhalle ernst. Auch für die fünfköpfige Jury aus Tänzern, Tanzpädagogen sowie der Paderborner Schirmherrin Sabine Paus, denen die Aufgabe obliegt, in vier Kategorien die Sieger zu bestimmen. Die Bandbreite reicht von Volkstanz hin zu aktuellen Tanzformen, von klassischem (Ballett) und höfischem Tanz bis zum modernen und zeitgenössischen Tanz und Tanztheater. Mit Volkstanz begann das Tanzspektakel farbenprächtig und zeigte, dass alleine "Volkstanz" ein weites Feld ist. Von der braven "ukrainischen Polka" in frontaler Reihung ausgerichtet, ging es rasant über zu "Hava Nagila". Die Düsseldorfer Tänzerinnen bewiesen Explosivität, Paarfindungen im Rückwärtsgang und zeigten, mit welchem tänzerischen Anspruch sich diese Kategorie weiter entwickelt hat. Danach wartete die "Kutscherwiese" mit einer beeindruckenden Figur gleich zu Beginn auf, wo die Jungs schon per Knallpeitsche hoch auf den Schultern der Mädchen aufgesattelt "einfuhren". Dann der Sprung in die "aktuellen Tanzformen": bisweilen bestechen hier tänzerisch nicht ganz verwertete Ideen, wie bei "Tänzermangel" der Tanz mit einer Puppe; oder "Psycho", die Jungsgruppe, die nicht nur Break-Dance beherrscht, sondern sich synchron auch immer wieder in einer wenn auch uniformen aber doch spannungsreichen Formation findet. Zu den Highlights der frühen Präsentationen zählten "Die Maschine" (Bühnenschule Erftstadt), die mit riesigem Ensemble mit einer originellen Choreografie ein wahres tänzerisches Laufwerk in Gang setzten - wenn auch mit noch unterschiedlich ausgefeilter Tanztechnik. Darin dominierte dagegen die Münchener Ballettschule Christiane Böhm: "Feet on the ground". Es ist schwer zu sagen bei einem Wettbewerb, was die "Größe" einer Aufführung ausmacht. Aber plötzlich ist da diese Stille. Und genau daraus lassen die Münchener ihren Tanz entstehen. Die schwarzgekleideten Tänzerinnen gruppieren sich im Raum, dann eine rotgekleidete "Carmen", Ausgrenzung, Verfolgung, Individualisierung gegen synchrone Pluralität. Jede Bewegung zur Livemusik fließend ausgetanzt, eine kontrapunktierende Choreografie, Tanzpräzision, Ausdruck, mitreißende Energie bei allen und das Ganze dramatisch bis zuletzt, wo sich die Einzelnen ihre Gesichter rot schminken. Großartig. Mit solchen Überraschungen und superlativischen Leistungen begann auch der Freitag, wo erneut die Münchner drei Kobolde ins neckische Duell mit einem Geigenspieler schickten. Tanz, pantomimisches Spiel, ein ausgereifter Ausdruck, Ballettsprünge und Artistik verschmolzen zum imposanten Wechselspiel, das mit einem Salto endete. In gleicher Gruppe starteten auch die Tanzkünstler vom heimischen Tanzbau. "Was wir alleine nicht schaffen, das schaffen wir zusammen" zeigte eine sauber getanzte, akrobatische Performance, ausgewogen in Momenten der Ruhe und vitalem Finden in starken Hebefiguren. Romantisch ging es für die Ballettfreunde im "Liebestraum" weiter, einem sehr gefühlvoll getanzten Spitzentanz. Dagegen wirkte "Palladio" (Uschis, Balletschule Balancé Erkner) modern und das Große Ensemble zeigte mit wunderbaren Strukturen und Leichtigkeit eine ausgefeilte Performance. Dass es bei dem "Wettbewerb" aber nicht nur um Höchstleistungen, sondern um die Begegnung und den Austausch geht, ist der Leitgedanke, den die Initiatorin des Tanzfestivals Margit Keikutt voranträgt. Das Fiebern um eine gute Platzierung wird bis zur Kundgebung am Samstag bei der großen Gala vermutlich dennoch mitschwingen. Sieger sind sie sowieso alle.

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