Abschied von der Universität Paderborn: Winfried Schulze war zehn Jahre lang Vorsitzender des ersten Hochschulrates in NRW. Am 6. Juni, wenn sich der neue Hochschulrat erstmals versammelt, wird sich zeigen, wer dann aus der Aufzugtür schreitet.
Abschied von der Universität Paderborn: Winfried Schulze war zehn Jahre lang Vorsitzender des ersten Hochschulrates in NRW. Am 6. Juni, wenn sich der neue Hochschulrat erstmals versammelt, wird sich zeigen, wer dann aus der Aufzugtür schreitet.

Paderborn Der scheidende Uni-Hochschulratsvorsitzende Winfried Schulze im Interview

Er spricht über alte und neue Herausforderungen. Und was er von der neuen Landesregierung erwartet

Hans-Hermann Igges

Paderborn. Am 2. Juni wird mit dem bisherigen Hochschulrat der Universität Paderborn auch dessen Vorsitzender verabschiedet. Der renommierte Historiker Winfried Schulze (74) lebt in Bochum und lehrte bis 2008 an der Ludwig-Maximilians-Universität München, wo er 1996 auch den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgesellschaft erhielt. Gegen Ende seiner Tätigkeit als Vorsitzender des Wissenschaftsrates (von 1998 bis 2001) fragte ihn der damalige Rektor der Universität-Gesamthochschule Paderborn, Wolfgang Weber, ob er sich eine Mitgliedschaft im damals geplanten Kuratorium der Hochschule vorstellen könne. Daraus ergab sich 2007 seine Berufung in den Hochschulrat. Sehr geehrter Herr Schulze, der Hochschulrat ist sicher eines der einflussreichsten, aber vielleicht auch geheimnisvollsten Gremien in Paderborn. Wie muss man sich Ihre Arbeit konkret vorstellen? Wie oft treffen Sie sich? Wie lang dauern die Sitzungen? Und: Warum gibt es eigentlich fast nie Pressekonferenzen? Winfried Schulze: Die Arbeit des Hochschulrats ist keineswegs geheimnisvoll. Tagesordnung und Beschlüsse der normalerweise vier Sitzungen pro Jahr mit etwa vier bis fünf Stunden Dauer werden hochschulintern bekannt gemacht, bei wichtigen Personalentscheidungen fanden auch Pressekonferenzen statt, die aber nach normalen Sitzungen kaum dauerhaftes Interesse der Presse finden würden. Zu jeder zweiten Sitzung werden die Vertreter des Senats und der Personalräte sowie AStA-Vertreter und Gleichstellungsbeauftragte eingeladen. Einmal im Jahr habe ich im Senat über die Arbeit des Hochschulrats berichtet, dazu habe ich immer wieder die Vertreter der Personalräte und des AStA zu Gesprächen eingeladen. Über welche Entscheidungen wurde in den letzten zehn Jahren besonders eingehend diskutiert? Welche sind dem Gremium, welche Ihnen persönlich besonders schwer gefallen? Schulze: Natürlich waren die Studiengebühren ein heißes Thema, das uns intensiv beschäftigt hat. Auch das "Campusmanagement Uni Paderborn" (PAUL) hat uns in der Anfangsphase viel Zeit (und Geld) gekostet. Wie Sie sich vorstellen können, waren die Entscheidungen über die personelle Besetzung der Hochschulleitung nie frei von Kontroversen, vor allem wenn mehrere Personen um ein Amt konkurrieren, wie es bei den Präsidiumswahlen im Juni 2014 der Fall war. Daneben gab es immer wieder Momente, die den Hochschulrat herausforderten. So haben wir auf eine Änderung der Evaluationsordnung gedrängt und die regelmäßige Befassung mit den Qualitätsmanagement- und Evaluationsberichten der Fakultäten eingefordert. Langfristiges Ziel im Bereich der Qualitätssicherung muss der Umstieg auf eine zeitgemäße Systemakkreditierung sein. Ich persönlich hatte eine gewisse Skepsis zu überwinden, im Sponsoring der Paderborn Baskets einen wirklichen Gewinn auch für die Hochschule zu erkennen. Die Kooperationsvereinbarung läuft zunächst befristet bis 2018, und der Hochschulrat hat darauf gepocht, dass das Projekt eine wissenschaftliche Begleitung erfährt. Schwer gefallen sind dem Hochschulrat oder mir eigentlich keine Beschlüsse, wir haben immer versucht, in Vorgesprächen bzw. in der Sitzung vernünftige Lösungen zu finden und konnten dann mit gutem Gewissen zustimmen. Gleich zu Beginn wurden Sie auch mit dem Fall von Gertrud Höhler konfrontiert. Die ehemalige Paderborner Professorin weigerte sich nach einer Affäre, ihren Sitz im Hochschulrat aufzugeben. Es ging um ihren Umgang mit einer Vermietung an einen NPD-Abgeordneten in Zwickau. Auch das einstimmige Votum des Hochschulrates selbst und der damalige NRW-Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart konnten sie nicht zwingen, auszuscheiden. Wurden inzwischen Konsequenzen aus dieser offensichtlichen Fehlkonstruktion in der Verfassung des Hochschulrates gezogen? Schulze: Diese Frage hat uns damals erhebliche Schwierigkeiten bereitet, vor allem wegen der medialen Nachwirkungen ausgerechnet am Beginn unserer Tätigkeit als Hochschulräte. Damals gab es keine wirksame rechtliche Möglichkeit, ein Mitglied des Hochschulrats abzuberufen, das ist mit dem neuen Hochschulgesetz nicht zuletzt nach der Paderborner Erfahrung anders geworden. Senat und Hochschulrat können mit Zweidrittelmehrheit ein Mitglied zur Abberufung durch das zuständige Ministerium vorschlagen. Der Paderborner Hochschulrat war der erste seiner Art an einer Universität in Nordrhein-Westfalen. Welche Konsequenzen hatte diese Vorreiterrolle für Sie und das Gremium? Schulze: Unsere Vorreiterrolle hat uns gezwungen, einige Verfahren der Kontrolle selbst zu entwickeln. So haben wir zum Beispiel in Paderborn ein Instrument zur Kontrolle der wirtschaftlichen Tätigkeit der Hochschule entwickelt, das auch andere Kollegen übernommen haben. Ich selbst habe 2008 meine Kollegen Vorsitzenden der Hochschulräte zu einer ersten gemeinsamen Besprechung eingeladen. Daraus ist dann die jetzt etablierte Konferenz der Hochschulratsvorsitzenden in NRW entstanden, die sich vor allem in den Auseinandersetzungen um das neue Hochschulgesetz von 2014 bewährt hat. Welche strategischen Entscheidungen der letzten zehn Jahre erwiesen sich bis heute als besonders wichtig? Schulze: Ich glaube, dass es wirklich wichtig war, dass die Universität Paderborn sehr früh die richtigen Entscheidungen getroffen hat, um mit dem enormen Anstieg der Studierendenzahlen zurecht zu kommen. Das war nur durch die vorausschauende Finanzplanung zu erreichen. Inhaltlich war entscheidend, dass alle die Entscheidungen sich als richtig erwiesen haben, die zur Entwicklung des Spitzenclusters It?s OWL und daraus folgend zur Einrichtung des Fraunhofer-Instituts für Entwurfstechnik Mechatronik geführt haben. Das waren bemerkenswerte Erfolge, die freilich nur auf der Grundlage vieler richtiger Einzelentscheidungen erzielt werden konnten. Hat der Paderborner Hochschulrat mit seinen Persönlichkeiten von innerhalb und außerhalb der Universität eigentlich die richtige Mischung und Gewichtung? Oder fehlen Ihrer Meinung nach grundsätzlich relevante Stimmen? Schulze: Eigentlich kann ich diese Frage nicht beantworten. Wenn ich einmal so unbescheiden bin, und es trotzdem versuche, dann glaube ich, dass die Mischung gut und hilfreich war. Eine Mischung aus wissenschaftlicher, hochschulpolitischer und wirtschaftlicher Kompetenz mit regionaler Verankerung ist für eine solches Gremium eine wichtige Voraussetzung. Und die Mitglieder müssen sich für "ihre" Universität wirklich engagieren. Unter der letzten Landesregierung sahen viele, auch in der Universität Paderborn, die Hochschulautonomie wieder auf dem Rückzug. Ist die Gefahr abgewendet? Welche Erwartungen haben Sie an die neue Landesregierung unter Führung der CDU? Schulze: Es ist erfreulich, dass die Auseinandersetzung um das erwähnte Gesetz von 2014 keinen wesentlichen Verlust an Autonomie der Hochschulen mit sich gebracht hat, vor allem die Praxis der Gesetzesanwendung hat sich als weitgehend unproblematisch erwiesen. An die neue Landesregierung habe ich selbst - wie meine Kollegen - die Erwartung, dass der Autonomiekurs der Hochschulen beibehalten wird, dass die mittelfristige Finanzplanung gesichert bleibt und dass vor allem die Grundfinanzierung der Universitäten verbessert wird. Trotz beachtlicher Haushaltssteigerungen liegt das Land NRW leider am Ende der Ausgaben pro Studierender und das ist ein schlechtes Signal. Die Universität Paderborn ist in den letzten zehn Jahren enorm gewachsen. Nun scheint sie sich in ihrer heutigen Größe mit rund 20.000 Studierenden einzupendeln. Wo liegen die strategischen Herausforderungen der nächsten Dekade? Schulze: In der Tat war das Wachstum unserer Universität eine große Herausforderung, die wir auch dank der finanziellen Autonomie der Universität gut bewältigt haben. Die strategischen Herausforderungen liegen meines Erachtens in einer zunehmenden Differenzierung der Hochschullandschaft, die rein quantitativ kaum mehr wachsen wird. Umso mehr muss man sich in dieser Situation mit einem klaren Leistungsprofil behaupten, Paderborn und die Region OWL bieten dafür wirklich gute Voraussetzungen. Das sorgt zum einen für steigende Einnahmen im Bereich der Drittmittel, zum anderen erhöht das die Attraktivität für gute Studierende, nach Paderborn zu kommen. Daran sind die Universität, aber auch die Region interessiert. Wie lautet Ihr persönliches Fazit als Vorsitzender des Hochschulrates der Universität Paderborn? Und - auch wenn man mit 74 Jahren sicher nicht begründen muss, wenn man einen Gang zurückschalten will: Womit füllen Sie die Lücke, die die Universität Paderborn jetzt in Ihrem Terminkalender hinterlässt? Schulze: Mein persönliches Fazit ist ein durchaus positives: Ich habe mich gefreut, den Prozess der Neuorientierung unserer Universität am Modell der autonomen Hochschule mit begleiten zu können. Als jemand, der die Universität als Institution liebt, hat das einfach Spaß gemacht, zumal wenn man das zusammen mit Kollegen im Präsidium gestalten kann, mit denen es Freude macht zusammenzuarbeiten. Um es noch einmal deutlich zu machen: Mir scheint es einfach richtig zu sein, eine Tätigkeit wie die im Hochschulrat nicht zu lange auszudehnen, vielleicht bringen neue Mitglieder auch neue interessante Ideen ein, die der Universität weiterhelfen. Und wenn man sich dem 75. Geburtstag nähert, sollte man aufpassen, sich nicht für unentbehrlich zu halten. Was meinen Terminkalender angeht, so mache ich mir keine Sorgen. Meine Tätigkeit als Direktor des Mercator Research Centers Ruhr in Essen werde ich weiterführen, auch als Mitglied im Stiftungsrat der Einstein-Stiftung in Berlin und anderer Beiräte werde ich weiter aktiv sein. Und außerdem werde ich weiterhin mit Interesse den Pressespiegel der Universität Paderborn verfolgen und dem (hoffentlich) entnehmen, dass es auch gut ohne mich geht.

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