Als Vorsitzender des Vereins für Menschen mit Behinderung im Hochstift Paderborn ist die Barrierefreiheit in der Stadt für Georges Gourie ein besonderes Anliegen. - © Lena Henning
Als Vorsitzender des Vereins für Menschen mit Behinderung im Hochstift Paderborn ist die Barrierefreiheit in der Stadt für Georges Gourie ein besonderes Anliegen. | © Lena Henning

Paderborn Wie barrierefrei ist Paderborn?

Treppen und Stufen: Beim Stadtrundgang zeigt sich, dass Rollstuhlfahrer an vielen Stellen vor Hürden stehen. Georges Gourie vom Verein für Menschen mit Behinderung hofft auf einen Bewusstseinswandel

Lena Henning

Paderborn. Wer mit Georges Gourie in der Paderborner Innenstadt unterwegs ist, braucht viel Zeit. Zehn Stundenkilometer schafft sein Elektrorollstuhl, auf den er wegen einer Muskelkrankheit angewiesen ist. Doch immer wieder muss der 38-Jährige Umwege fahren. Treppen oder einzelne Stufen stellen für ihn unüberwindbare Hindernisse dar. Dem Vorsitzenden des Vereins für Menschen mit Behinderung im Hochstift ist die Barrierefreiheit ein Anliegen. Bahnübergang Auf dem Weg von seiner Wohnung in die Fußgängerzone wird Gourie das erste Mal am Bahnübergang Rosentor (Ecke Kilianstraße/Leostraße) aufgehalten. Wo andere einfach die Treppen der Unterführung nehmen, muss er warten, bis sich die Schranken öffnen. Zur Innenstadtseite gibt es eine Rampe, zur Leostraße dagegen nur Treppenstufen. „Das ist ja auch für Menschen mit Kinderwagen unpraktisch", sagt Gourie. Seine Rekordwartezeit an der Schranke liege bei 18 Minuten und fünf durchfahrenden Zügen, erzählt er.Zugreisen Wenn er selbst mit dem Zug fahren möchte, gibt es viel zu beachten. „Einfach mal so einsteigen ist nicht." Der Zug nach Bielefeld beispielsweise fährt in der Regel von Gleis fünf ab. Das ist jedoch nicht über einen Aufzug zu erreichen, sondern nur über einen Treppenlift. Der wird vom Bahnhofspersonal bedient. „Aber man muss sich einen Tag vorher anmelden", weiß Gourie. Und am besten zwanzig Minuten vor Abfahrt da sein. Und diesen Service gibt es nur in der Zeit zwischen 10 und 19 Uhr. „Dürfen Rollstuhlfahrer nicht spontan sein?", fragt er.Für die Nordwestbahn, die auf der Strecke zwischen Paderborn und Bielefeld fährt, benötigen Rollstuhlfahrer zusätzlich eine Rampe, um den Spalt zwischen Zug und Bahnsteigkante überwinden zu können. Busverkehr Auch in den Bussen gibt es eine solche Rampe. Die wird ausgeklappt, so dass Rollstuhlfahrer in den Bus fahren können. Es komme jedoch gelegentlich vor, dass diese Rampe kaputt sei – „dann haben die Rollstuhlfahrer Pech gehabt". Für Verwirrung unter den Busfahrern habe auch die Regelung zur Mitnahme von sogenannten E-Scootern geführt. „Manche Fahrer können einen Scooter und einen elektrischen Rollstuhl nicht unterscheiden", sagt Gourie.Lange habe er einmal diskutieren müssen, um im letzten Bus, der an dem Abend noch fuhr, mitgenommen zu werden. „Umständlich, zeitaufwendig und unflexibel" sei das Reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln, resümiert Gourie. Deshalb nutzt er am liebsten den rollstuhlgerechten Bulli des Vereins für Menschen mit Behinderung. Den können die Mitglieder kostenlos ausleihen. Sie müssen nur die Tankfüllung zahlen. Kneipenszene In der Innenstadt zählt Georges Gourie Stufen. Hier zwei, da eine etwa 15 Zentimeter hohe Kante. „Da vorm Brautmodengeschäft sind es drei Stufen", sagt er und zeigt auf den Ladeneingang. „Aber da will ich ja auch gar nicht rein." Wer sich mit ihm durch die Stadt bewegt, nimmt sie auf einmal ganz anders wahr.Sich einfach mal spontan mit Freunden auf ein Bier in der Kneipe treffen, ist schwierig für Rollstuhlfahrer. „Man muss sich schon auskennen und genau wissen, wo man hin kann", sagt Gourie. Selbst wenn ihn keine Stufe am Eintritt hindert, sind die Kneipen oft sehr eng. Und die Toiletten oft auch nicht rollstuhlgerecht. Rampen statt Treppen An der Theologischen Fakultät am Kamp hatte er einmal einen Vortrag hören wollen. Eigentlich gibt es dort für Rollstuhlfahrer einen Extraeingang. Doch den Schlüssel für die entsprechende Tür hatte nur der Hausmeister, der an dem Abend nicht zu erreichen war. „Vier Leute haben den Rollstuhl dann die Stufen hochgewuchtet", erzählt Gourie. Immerhin über 160 Kilogramm wiegt der alleine. Auf starke Männer will er nicht immer angewiesen sein. Sein Plan: Eine einfache Rampe soll helfen und Rollstuhlfahrern das spontane Ausgehen in Paderborn ermöglichen. Zusammen mit einem Freund will Gourie einen Prototypen aus Holz entwickeln und den Bars und Kneipen vorstellen. „Oft fehlt einfach das Bewusstsein für unsere Probleme", sagt er.

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