Hier kann man sich eintragen: Simone Balke, Sachbeabeiterin im Paderborner Einwohneramt, mit einer amtlichen Liste. - © Birger Berbüsse
Hier kann man sich eintragen: Simone Balke, Sachbeabeiterin im Paderborner Einwohneramt, mit einer amtlichen Liste. | © Birger Berbüsse

Paderborn Rückkehr zu G9: Stadtschulpflegschaft Paderborn sieht Ganztag in Gefahr

Volksbegehren "G9 Jetzt": Initiative sammelt in NRW Unterschriften für ein Jahr mehr am Gymnasium. Stadtschulpflegschaft sieht Ganztag in Gefahr. Listen im Einwohnermeldeamt

Sabine Kauke

Paderborn. Zu viel Schulstress, zu wenig Freizeit, kein nachhaltiges Wissen: Die Elterninitiative "G9-jetzt! in NRW" fordert in einem Volksbegehren, dass "Eltern und Kindern die Wahlfreiheit gegeben wird, an einem Gymnasium in ihrer Nähe das Abitur nach Klasse 13 ohne Pflicht zum Nachmittagsunterricht zu erreichen." Mit dem Volksbegehren geht ein Gesetzentwurf der Initiative einher, der de facto die Wiedereinführung des Abiturs nach neun Jahren (G9) bedeutet. Unterschriftenlisten liegen, wie die NW berichtete, im Einwohnermeldeamt am Marienplatz sowie in den Verwaltungsnebenstellen Schloß Neuhaus und Elsen aus. Hatten Schülerinnen und Schüler beim Abitur nach 13 Jahren im Durchschnitt 29,4 Schulstunden Unterricht und nachmittags frei, sind es beim 2005 eingeführten Turbo-Abi nach acht Jahren am Gymnasium durchschnittlich 33,1 Wochenstunden. Schon für Sechst- und Siebtklässler ende der Schultag manchmal erst um 15.50 Uhr, die hohe Stundentafel führe zu mehr Leistungsdruck, lasse kaum Zeit für Sportvereine, Ehrenämter oder sonstige Freizeitaktivitäten, und beeinträchtige das Familienleben, kritisiert die Elterninitiative "G9 Jetzt". Sechs Monate Erzielt sie die benötigten 1.060.963 Unterschriften, müsste der Landtag binnen sechs Monaten entscheiden: Stimmt er dem Volksbegehren zu, würde NRW zum Abitur nach 9 Jahren zurückkehren; lehnt der Landtag ab, kommt es zum Volksentscheid über den Gesetzentwurf: Dafür wären über 3 Millionen Stimmen nötig. "Aktuelle Umfragen scheinen zu belegen, dass eine große Mehrheit der Eltern sich wünscht, dass die Regelschulzeit bis zum Abitur am Gymnasium wieder neun Schuljahre betragen soll", schreibt die Stadtschulpflegschaft Paderborn in einer Mail an Elternvertreter, Delegierte, Schulen und interessierte Eltern. Die Initiative "G9 jetzt" biete an, sich genau dafür einzubringen. Die Stadtschulpflegschaft weist in ihrem Info-Schreiben allerdings auf Aspekte hin, die möglicherweise wenig bekannt sind. So gehe es bei dem Volksbegehren um die Befürwortung eines konkreten Gesetzentwurfs, der im weiteren Verfahren nicht mehr geändert werden kann. Dabei würden die im Entwurf vorgesehenen Veränderungen in der Sekundarstufe 1 und II längst nicht nur das Gymnasium, sondern auch andere Schulformen wie Realschulen und Gesamtschulen betreffen. Auch diese Schulen wären von Unterrichtskürzungen betroffen und der Ganztagsunterricht wäre unzulässig. "Wir geben keine Empfehlung, das Volksbegehren abzulehnen", sagt Michael Schäder aus dem Beirat der Stadtschulpflegschaft. "Aber wir weisen darauf hin, das Kleingedruckte zu lesen." Würde aus dem Volksbegehren ein Gesetzesentwurf, fielen in der gesamten Sekundarstufe I "etwa 4 bis 5 Prozent der Wochenstunden an Real- , Sekundar- oder Gesamtschulen weg", so Schäder. Dabei sei die Aufstockung in diesen Schultypen seinerzeit nicht in erster Linie vor dem Hintergrund der verkürzten Gymnasialzeit vorgenommen worden, sondern um Schüler besser zu fördern. Im Entwurf von "G9 Jetzt" heißt es: "Dem § 12 (Schulgesetz NRW) wird folgender Absatz 5 angefügt: (5) Der Pflichtunterricht für die Schülerinnen und Schüler beträgt in der Sekundarstufe I maximal 180 Jahreswochenstunden." Auf Ganztag angewiesen  In den Jahrgangsstufen 11 bis 13 sollen es "maximal 90 Jahreswochenstunden" sein. In der Oberstufe der Gesamtschule würden damit laut Michael Schäder mehr als 12 Prozent der Unterrichtsstunden pro Woche entfallen. "Gebundener Ganztagsunterricht wäre gar nicht mehr möglich", sagt Christian Cloer, in der Stadtschulpflegschaft Ansprechpartner für die Schulform Gymnasium: "Dabei sind vermutlich viele Eltern auf den Ganztag angewiesen." Da die Rückkehr zum G9 rückwirkend zum Schuljahr 2017/18 für die Jahrgangsstufen 5 bis 8 erfolgen würde, befürchtet die Stadtschulpflegschaft zudem schwindende Ressourcen für die Schulen und damit "deutlich weniger Stunden" für ältere Schüler. Für Michael Schäder wäre die "Rolle rückwärts" der Elterninitiative "G9 Jetzt" "ebenso überhastet und nicht ganz durchdacht wie seinerzeit die Einführung von G8." Stadtschulpflegschaften in Bonn, Köln oder Duisburg hätten sich noch "deutlich kritischer" positioniert. "G8, wie es jetzt ist, finde ich schlecht, weil das Jahr in der Unterstufe gekürzt wurde", sagt Christian Cloer. Aber auf diese Art G9 wieder einzuführen, sehe ich kritisch", appelliert er an Eltern, sich "gut einzulesen und sich dann eine eigene Meinung zu bilden." Bis zum 7. Juni liegen Unterschriftenlisten aus - in Paderborn gleich an drei Stellen: Im Einwohnermeldeamt am Marienplatz, wo ein Aufsteller auf das Büro hinweist, sowie in den Verwaltungsnebenstellen in Schloß Neuhaus und Elsen. Bislang haben sich in Paderborn bis gestern 130 Bürger eingetragen. Wahlberechtigt sind Paderborner ab 18 Jahre, die ihren Pass vorlegen müssen. Wer will, kann die Unterlagen auch per Mail beantragen: www.paderborn.de (Wahlen/G9 Jetzt). Zudem gibt es freie Unterschriftensammlungen zum Herunterladen von der Homepage der Initiative. Die Frist für diese Listen, die aufwendig mit den amtlichen Listen abgeglichen werden müssen, läuft bis 4. Januar 2018. www.g9-jetzt-nrw.de www.stadtschulpflegschaft-paderborn.de

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