Präsentieren das neue Werk: Lektor Michael Ernst und Autor Ludwig Teichmann. - © Karl-Martin Flüter
Präsentieren das neue Werk: Lektor Michael Ernst und Autor Ludwig Teichmann. | © Karl-Martin Flüter

Paderborn Neuer Bildband über die Senne erschienen

Wo die Zeit stehen geblieben ist: Autor Ludwig Teichmann hat aussagekräftige Texte und Fotos zusammengestellt

Karl-Martin Flüter

Paderborn. Kaum eine Region in Ostwestfalen löst so starke Emotionen aus wie die Senne. Ein neues Buch von Ludwig Teichmann ist geeignet, die Begeisterung um die Heidelandschaft noch stärker zu entfachen. Der umfangreiche Band dokumentiert mit Text und vielen Fotos die Natur in der Senne, die sich seit einem Jahrhundert fast unbeeinträchtigt vom Menschen entwickeln konnte. Als der preußische Staat Ende des 19. Jahrhunderts auf die Idee kam, aus der sandigen Landschaft ein militärisches Übungsgelände zu machen, gab es dafür gute Gründe. Der karge Boden gab kaum etwas her. Die Armut der Bewohner war sprichwörtlich und ein Thema für Dichter, Wissenschaftler und Politiker. So war es zu erwarten, dass kaum jemand der Senne eine Träne nachweinen würde, als sie hinter den Sperrschildern des Militärs der Öffentlichkeit entzogen wurde. Das Gegenteil ist der Fall. Die "Senner" haben ihre Heimat, die sie kaum noch betreten dürfen, niemals vergessen. Die emotionalen Bindungen sind lebendig wie eh und je. Das bewies zuletzt der Nachbau der früheren Hövelsenner Kirche am Rande des Truppenübungsplatzes. Das Buch von Ludwig Teichmann liefert dieser Heimatliebe neuen Stoff. Der Fotograf - eigentlich ein Heimatforscher mit Kamera - hat die Natur und die alten Orte in der Senne fotografiert. Die Natur hat sich vieles zurückgeholt, was die Sennebauern ihr einst abgerungen haben. Die durch die militärische Nutzung "geschützte" 116 Quadratkilometer große Fläche ist eines der letzten Refugien ungestörter Natur in Zentraleuropa. Mitteleuropäer, vor allem Menschen aus dem dicht besiedelten Nordrhein-Westfalen, müssen weit fahren, um Vergleichbares zu sehen. Nur die Eifel hält einem Vergleich stand. Wie reich die Senne an Naturschätzen ist, das erschließt sich nur einem Sennewanderer wie Ludwig Teichmann, der durch Wälder, über Sanddünen, Bachtäler und die Heideebenen streifen kann. Mehrere Bücher dokumentieren die Ergebnisse seiner Exkursionen. Aber so nah wie im neuen Buch war er seinem Lebensthema noch nie. Wie in einem Traum liegen die überwachsenen Ruinen und einsamen Gehöfte in der Heide, ziehen sich lange Alleen durch die menschenleere Landschaft: Hier ist die Zeit stehen geblieben. Der Leser sieht unglaublich große Herden von Hirschen, Rehen und Damwild mit siebzig, achtzig Tieren: Wildschweinrotten aus nächster Nähe, die Heidschnucken in der Heide. Teichmann zeigt den Pilzreichtum der Senne, hat seltene Pflanzen fotografiert, die es nur noch hier gibt, fängt die verwunschenen Idyllen der kleinen Feuchtgebiete in den Bachtälern ein. Eine halbe Million Fotos von der Senne habe er im Bestand, sagt Ludwig Teichmann. Tausende kamen in die engere Auswahl für das neue Buch. Für exakt 453 Abbildungen haben sich er und sein Lektor Michael Ernst vom Bonifatius-Verlag letztlich entschieden. Um diese unübersehbar große Menge von Bildern zu ordnen, haben sich Autor und Verlag eine Struktur nach den Jahreszeiten einfallen lassen. Ein fachkundiges Vorwort des Autors leitet in die folgenden Kapitel ein. Teichmanns Buch kommt zu rechten Zeit. In wenigen Jahren werden die britischen Truppen, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs Dauernutzer der Senne sind, aus der Region abgezogen sein. Was wird dann aus der Senne? Die Entschiedenheit, mit der um die Zukunft der Landschaft gerungen wird, verrät etwas von der emotionalen Betroffenheit vieler Senneanrainer. Welchen bewunderns- und bewahrenswerten Schatz die Menschen in Ostwestfalen-Lippe an der Senne haben, können sie sich in Ludwig Teichmanns Buch vor Augen führen. "Die Senne entdecken" ist auch eine Aufforderung, dieses Erbe zu bewahren. - Ludwig Teich: Die Senne entdecken. Ein Naturparadies im Wandel der Jahreszeiten Bonifatius-Verlag 2016, 320 Seiten, 453 Foto, 36,90 Euro

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