Verteidigt: Christian Müller, Geschäftsführer der Stadtwerke. - © Holger Kosbab
Verteidigt: Christian Müller, Geschäftsführer der Stadtwerke. | © Holger Kosbab

Paderborn Warum Windpionier Lackmann die Paderborner Stadtwerke kritisiert

Der regionale Energieversorger liefert nach eigenen Angaben Wasserkraftstrom aus Norwegen

Birger Berbüsse

Paderborn. Über 11.000 Kunden haben mittlerweile Energielieferverträge mit den Paderborner Stadtwerken abgeschlossen. Sie werden nach Angaben des Unternehmens ausschließlich mit Ökostrom aus Norwegen beliefert. Aber stimmt das wirklich? Nein, sagt Johannes Lackmann. In einem Leserbrief sprach der Geschäftsführer von Westfalenwind gar von "perfekter Verbrauchertäuschung". Laut Lackmann liefern die Stadtwerke keinen Wasserkraftstrom aus Norwegen. Als Grund nennt der ehemalige Präsident des Bundesverbandes Erneuerbare Energie, dass es derzeit keine Netzverbindung nach Norwegen gebe, die einen solchen Stromimport ermöglichen würde. Die Stadtwerke bekämen lediglich den allgemeinen Strommix und kauften dann ein Zertifikat hinzu, dass dem Strom eine grüne Eigenschaft bescheinige. Lackmann gibt zu, dass dieses Verfahren durch die Bundesgesetzgebung legalisiert sei. Diesen "Papierhandel" kritisiert er deshalb als "legalisierten Betrug". Der Geschäftsführer der Stadtwerke, Christian Müller, widerspricht den Vorwürfen deutlich: "Natürlich handelt es sich bei unserem Strom wirklich um Ökostrom." Die Herkunftsnachweise seien das europaweit gesetzlich festgelegte System um Ökostrom von gewöhnlichem Strom zu unterscheiden. Zur Herkunft des Stroms verweist Müller auf die Erklärungen auf der Internetseite der Stadtwerke: "Unsere Lieferanten garantieren, dass genau die Menge Strom, die wir abnehmen, in norwegischen Wasserkraftwerken gewonnen wird." Dort steht aber auch, dass alle Verbraucher Strom aus demselben Stromnetz beziehen. Man könne Strom nicht gezielt lenken. Wenn Kunden zu den Stadtwerken wechselten, bleibe der Strom aus ihrer Steckdose zwar physikalisch gleich. Man sei in der Elektrizitätswirtschaft jedoch dazu übergegangen, die "grüne Eigenschaft" des Stroms getrennt von der eigentlichen Lieferung zu handeln. Dies geschieht über die sogenannten "Herkunftsnachweise" (HKN). Pro Megawattstunde (MWh) in einem Kraftwerk, das Strom aus erneuerbaren Energiequellen produziert, wird so ein HKN ausgestellt und für jede an der Strombörse in Leipzig eingekaufte MWh entwertet. "Das gilt einheitlich für alle Versorger und stellt sicher, dass jede Kilowattstunde Ökostrom nur einmal als solche verkauft werden kann", betont Müller. Er räumt allerdings ein, dass es durchaus "Verbesserungsbedarf an diesem Modell gibt". Johannes Lackmann erneuerte seine Kritik auf Nachfrage der NW. Aus seiner Sicht sollten die Stadtwerke keine Zertifikate kaufen, da sie so den Betrug mitmachten, und dann entsprechend kommunizieren, dass der Strom in Paderborn eben nicht zu 100 Prozent aus sauberen Quellen stammt. "Wir sollten gemeinsam daran arbeiten, das zu ändern", so Lackmann. Er regt an, dass die Stadtwerke eigene Windkraftanlagen oder Solarstromanlagen bauen oder ein Nahwärmekonzept entwickeln könnten, um die Energiewende voran zu bringen. Es ist auch erklärtes Ziel der Stadtwerke, zukünftig immer mehr lokal erzeugte Energie in ihr Portfolio aufzunehmen. "Hier ist es aber für konkrete Aussagen noch zu früh", so Geschäftsführer Müller.

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