Handfeste Erinnerungen: Jost Wedekin zeigt einige Lebensmittelkarten aus der damaligen Zeit. Allzu oft waren die Geschäfte jedoch leer, weil es kaum Nachschub gab. - © Marc Köppelmann
Handfeste Erinnerungen: Jost Wedekin zeigt einige Lebensmittelkarten aus der damaligen Zeit. Allzu oft waren die Geschäfte jedoch leer, weil es kaum Nachschub gab. | © Marc Köppelmann

Paderborn Erinnerungen an den Hungerwinter

NW-Buch: Als Kind erlebte Jost Wedekin den Winter vor 70 Jahren. Seine Familie überstand die Zeit, weil sie gut voraus plante

Birger Berbüsse

Paderborn. Im Krieg kannte er noch keinen Mangel. "Aber danach ging es rabiat los", erinnert sich Jost Wedekin an den Hungerwinter von 1946/47 in Paderborn. 70 Jahre liegt diese Zeit nun hinter ihm. Doch vergessen hat der heute 81-Jährige den Hunger nicht, an dem er und seine Familie damals nur allzu oft litt. Dabei hatten Wedekins anfangs noch Glück und kamen unbeschadet durch die Kriegsjahre. Bis zum 27. März 1945, an dem die Alliierten Tausende Bomben auf Paderborn regnen ließen. Dabei wurde auch ihr Haus "völlig platt gemacht" - der damals zehnjährige Jost und seine hochschwangere Mutter überlebten im Schutzkeller der Nachbarn. Der Vater, ein Berufssoldat, war in Frankreich stationiert. Die Mutter floh mit dem Jungen aus dem zerstörten Paderborn und kam über Umwege in den Harz. Dort erlebte er das erste Mal, dass die Nahrung knapper wurde. "Im Krieg hatten wir noch ziemlich viel, weil mein Vater immer etwas schicken konnte", erinnert sich Wedekin. Außerdem bewirtschaftete die Mutter einen großen Garten auf dem Reitplatz vor dem ehemaligen Abdinghofkloster in dem sich das Wehrbezirkskommando befand, die Arbeitsstelle des Vaters. Dieser hatte außerdem einen Maisfeld angelegt und züchtete Hühner. So kannte die Familie im Gegensatz zu vielen Bewohnern in den Großstädten keinen Mangel - bis es dann eben "rabiat" wurde. Die Suppe wurde mit Wasser gestreckt Denn nach der Bombardierung begann für Jost Wedekin und seine Mutter die Mangelwirtschaft. Ihre Flucht endete in zwei verschiedenen Heimen der NS-Volkswohlfahrt im Harz. "Im Kinderheim gab es einen Tag Graupensuppe, am nächsten süße Graupen", berichtet er. Das hat Spuren hinterlassen - Wedekin kann die sogenannten "Kälberzähne" seitdem nicht mehr essen. "Da vergeht mir gleich der Appetit", verrät er. Während die Nahrung immer weniger wurde, wurden die Kinder im Heim immer mehr. Um alle satt zu bekommen, wurde die Suppe deshalb mit Wasser gestreckt. Nach fünf Monaten ging es zurück nach Paderborn, wo ein Onkel sie für eine kurze Zeit aufnahm, bis sie schließlich nach der Rückkehr des Vaters aus britischer Kriegsgefangenschaft in eine kleine Notwohnung ziehen konnten. Zwar war ihr Garten am Abdinghof weg, aber der Vater konnte ein Trümmergrundstück pachten, das sie bewirtschafteten. Dort pflanzte er Tabak an. "Das haben wir dann später geerntet, fermentiert und zu Krüll- und Feinschnitt verarbeitet und konnten es dann zum Beispiel gegen Eier eintauschen", erklärt Wedekin. Einen Großteil habe der Vater allerdings auch selber geraucht. Bis sie eines Tages zu ihrem Feld kamen - und die Tabakpflanzen weg waren: "alles geklaut". Keine Seltenheit zu dieser Zeit. Den Vater konnte das nicht entmutigen. Mit einem Nachbarn brannte er Schnaps und stellte sogar Likör her. Die Zutaten kamen von einem befreundeten Drogisten. Die Erzeugnisse, Spirituosen verschiedenster Art, tauschte der Vater in den benachbarten Dörfern gegen Naturalien wie Kartoffeln, Speck und sogar einmal gegen einen Schweinekopf ein. Das war auch nötig, denn 1946 wurde die Situation spürbar schlechter. "Manchmal war es wirklich mager", sagt Wedekin. Eine legale Möglichkeit, den Nahrungsmittelvorrat aufzubessern, war die Abgabe von Bucheckern gegen Speiseöl. Für zehn Pfund Eckern erhielt man einen Liter Öl. Auch hier zeigte sich die handwerkliche Begabung des Vaters. Er hatte ein großes Sieb gebaut, so dass die Familie die Früchte nicht mühsam vom Boden aufheben musste. Sie wurden zu Hause sortiert und später zur Presse gebracht. "Die Überreste der Aktion, Holzstückchen, taube Früchte und deren Gehäuse nutzten wir zum Beheizen des Behelfofens in unserer winzigen Wohnküche", so Wedekin. Das Schlafzimmer, viermal so groß, wurde nie beheizt. Denn die jährlichen Kälteperioden machten der Familie mindestens ebenso viel zu schaffen, wie der Hunger. Trotz Sparmaßnahmen reichte die zugeteilte Menge an Heizmaterial nie aus. Ohne das Buchenholz, von dem der Familie im eiskalten und lang dauernden Winter sogar dreimal etliche Festmeter in den Wäldern bei Eggeringhausen zugeteilt wurden, hätte die Familie diese grimmige Zeit wohl kaum überstanden. Auch die Schulen konnten oft nicht ausreichend beheizt werden, sodass es für manche Klassen schonmal "kältefrei" gab, wenn der Ofen nicht auf Touren kam. Die Schüler wurden dann ins Kaufhaus Klingenthal geschickt, um in der dortigen Wärmehalle ihre Hausaufgaben zu erledigen. Die Wedekins ahnten schon, dass der Winter schlimm werden würde. "Es ging darum, Vorräte zu speichern", so Wedekin. Die Mutter sorgte sich bereits im Sommer um die Ernährung der Familie. 280 Einmachgläser füllte sie mit Äpfeln, Pflaumen, Möhren und einigem mehr. Das half durch die schwere Zeit. Denn die Probleme waren groß: Weil die Güterzüge oft nicht fuhren, gab es weniger Nachschub. Viele Geschäfte hatten tagelang geschlossen, da es nichts zu verkaufen gab. "Und wenn sie doch geöffnet hatten, gab es Weißkohl oder Rübenkraut", sagt Wedekin nüchtern. Auch Brot war selten. So selten, dass die Familie häufig in die Dörfer fuhr, wenn es dort gerüchteweise mal etwas gab. Doch wenn sie ankamen, war es meist schon ausverkauft. Glücklicherweise hatten sie in einem der Dörfer entfernte Verwandte, denen sie ihren Essensmarken gaben und die manchmal für sie in der Bäckerei einkauften. Immerhin funktionierte die Schulspeisung - für viele Kinder war sie das Beste an der Schule. Wedekin erinnert sich, dass das tägliche Angebot in der Regel zwischen "Rennfahrersuppe mit Bremsklötzen" und "Negerschweiß" wechselte. Gemeint waren Erbsensuppe mit Keksen und Kakaosuppe mit Reis. "Bei der Austeilung der Suppe achteten wir darauf, etwas vom Boden des Topfes zu bekommen. Dort befanden sich nämlich die nahrhaftesten Teile", erinnert sich Wedekin noch gut. Sehr begehrt war auch das Maisbrot, von dem es wöchentlich einen Kanten von etwa einem Pfund gab. "Darauf wurde zu Hause schon gewartet. Brachte der Junge das goldgelbe Brot heim, wurde es sofort auf der Herdplatte geröstet. "Und dann haben wir es mit Heißhunger verspeist." Jost Wedekin und seiner Familie blieb damals das Schlimmste erspart. Aber dennoch: "Wir haben schon manchmal gehungert und erheblich gefroren", fasst Wedekin den Hungerwinter zusammen. So etwas bleibe für immer hängen: er sei zwar nicht geizig, aber auch nicht verschwenderisch. Jost Wedekin weiß: "Diese Zeit hat mich schon sehr geprägt."

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