Protagonisten vor thematischem Hintergrund: Stephan Weigelin (links) und Alexander Wilß in Vortragsposition. - © Theater Paderborn
Protagonisten vor thematischem Hintergrund: Stephan Weigelin (links) und Alexander Wilß in Vortragsposition. | © Theater Paderborn

Paderborn Lesung im Theater Paderborn: Ein Syrer und ein Deutscher erzählen

Weitere Aufführungen folgen

Dietmar Gröbing

Paderborn. Ein Syrer und ein Deutscher unter einem Dach. Was vor anderthalb Jahren nahezu undenkbar war, ist inzwischen keine Utopie mehr. Flüchtlinge wie Amir Baitar machen es möglich. Der ist bei dem Publizisten Henning Sußebach eingezogen, woraufhin beide ein gemeinsames Buch verfasst haben. Die Schauspieler Stephan Weigelin und Alexander Wilß nutzen es als Grundlage für eine Lesung im Theater Paderborn. Der Dialog ereignete sich am Samstag erstmals vor Publikum, als knapp 100 Personen die Premiere im Theatertreff verfolgten. Hoch über der Stadt prallen zwei Männer, zwei Kulturen, zwei Weltanschauungen aufeinander. Also heißt es Rücksicht nehmen, aufeinander zugehen, Integrationshilfe leisten, Integrationschancen nutzen. Zusammengefasst ist der (gegenseitige) Lernprozess in der Publikation "Unter einem Dach. Ein Syrer und ein Deutscher erzählen". Selbstredend setzt die einstündige Aufführung (Regie: Katharina Kreuzhage) lediglich Ausschnitte des Buches in Szene, beschränkt sich auf prägnante Textstellen, die Stephan Weigelin und Alexander Wilß von zwei Stühlen und einem Tisch aus in den Raum sprechen. Beide Akteure tragen dieselbe Kleidung, schwarze Hose und weißes Hemd, was Gleichheit symbolisieren soll. Und doch nimmt man anfangs in Sachen Mentalität vor allem Unterschiede wahr. "Für ein ordentliches deutsches Leben braucht es eine Gebrauchsanweisung", verkörpert Henning (Alexander Wilß) die oft zitierte Leitkultur. Also erklärt er Amir (Stephan Weigelin) nach dessen Ankunft im norddeutschen Ahrensburg die "Schlaf-, Fress- und Kratzgewohnheiten der Katze". Wohlgemerkt noch vor der Mülltrennung. Die bereitet dem 24-jährigen Mathematikstudenten keine dauerhaften Probleme. Ganz im Gegensatz zu den hiesigen Geschlechterrollen. Vakuum aus Unausgesprochenem "Vieles ist anders", stellt Amir fest und registriert die Gleichheit von Mann und Frau. Verdutzt muss er feststellen, dass "manchmal sogar die Frau das Sagen hat". Dass der Mann kocht und regelmäßig Alkohol trinkt, steht im krassen Gegensatz zu Amirs religiöser Überzeugung, die einem strikten Regelwerk unterliegt. Genau das irritiert Henning Sußebach, was ein "Vakuum aus Unausgesprochenem" entstehen lässt. Doch kein Schweigen ist für immer, keine Absolution ohne Schlupfloch. Und so passt sich Amir sukzessive an, scheint ihm doch alles "eine Frage der Zeit". Die Assimilation duldet sogar öffentliche Liebesbeweise einer Frau gegenüber. Und eine eigene Wohnung, die Amir Baitar inzwischen bezogen hat. Was nicht im Buch steht, er aber bei seinem samstäglichen Besuch in Paderborn zu Protokoll gab. Seinen "väterlichen Freund" Henning Sußebach, der ebenfalls anwesend war, sieht Amir einmal pro Woche. Genau wie das Fitnessstudio seiner Wahl und die Universität, auf der er sein Studium fortsetzen möchte. Weitere Aufführungen: 2., 11. und 22. Dezember sowie 6. und 28. Januar, jeweils um 19.30 Uhr im Theatertreff.

realisiert durch evolver group