Freude über die Ehrung: Die Preisträgerin Nebahat Cakir mit ihrem zehnjährigen Sohn Muhammed bei sich Zuhause. - © Cordula Gröne
Freude über die Ehrung: Die Preisträgerin Nebahat Cakir mit ihrem zehnjährigen Sohn Muhammed bei sich Zuhause. | © Cordula Gröne

Paderborn Vierfache, alleinerziehende Mutter schafft Einser-Abitur

Nebahat Cakir: Alleinerziehende mit vier Kindern erzielt Note 1,2 am Westfalen-Kolleg. Sie hält Vorträge in Paderborn über Migration und Flüchtlinge und wird in Berlin ausgezeichnet

Cordula Gröne

Paderborn. Das ihr zugedachte Los, jung in der Türkei verheiratet zu werden, Ehefrau und Mutter zu sein, reichte Nebahat Cakir nicht. Sie wollte unbedingt das Abitur nachmachen - und schaffte es. Für ihre Leistung erhält die 35-Jährige den Deutschen Weiterbildungspreis in der Kategorie Zweite Chance. Dass sie die Hochschulreife mit einem Notendurchschnitt von 1,2 über einen Online-Lehrgang am Westfalen-Kolleg Paderborn erworben hat, setzt dem Ganzen noch eine Krone auf. Dabei sah die Zukunft für die gebürtige Lipperin zunächst ganz anders aus. Nebahat Cakir wuchs als Kinder türkischer Eltern in Kalletal auf und besuchte nach der Hauptschule die Fachoberschule für Sozial- und Gesundheitswesen in Lemgo. Ihre Eltern wollten jedoch nicht, dass sie diese trotz guter Noten beendete und verheirateten sie mit 17 Jahren in der Türkei. Zurück in Deutschland blieb ihr nichts anderes übrig - sie arbeitete als Leiharbeiterin, damit ihr Mann nachkommen und beide Schulden abbezahlen konnten. Drei Kinder kamen und doch verlor Nebahat Cakir ihr Ziel, das Abitur zu erwerben, nicht aus den Augen. "Es hat an mir immer genagt, keinen Abschluss zu haben", erzählt die zierliche junge Frau mit den großen braunen Augen freimütig. Sie lebt mit ihren mittlerweile vier Söhnen - 5, 10, 12 und 14 Jahre alt - in einem kleinen Reihenhaus. Vom Ehemann ließ sie sich scheiden. Den Versuch, im Jahr 2008 das Abendgymnasium in Detmold zu besuchen, brach sie ab. "Es hat Spaß gemacht, aber ich musste jeden Abend die Kinder allein lassen", erzählt sie. Durch Zufall stieß sie auf das Westfalen-Kolleg. Über drei Jahre fuhr sie freitags nachmittags und samstags nach Paderborn und lernte ansonsten allein am Computer. Von 33 Teilnehmern des Kurses blieben 13 übrig. "Ich wusste, es ist meine letzte Chance", sagt Nebahat Cakir. Etwa vier bis fünf Stunden lernte sie täglich - weit mehr als andere - am Schreibtisch im kleinen Schlafzimmer. Eltern und Verwandte halfen, wenn Not am Mann war. Diszipliniert ist sie, ehrgeizig und darüber hinaus noch ehrenamtlich engagiert. Als das Telefon klingelt, klärt Nebahat Cakir geduldig, aber auch energisch über die Modalitäten der OGS-Betreuung an der Grundschule Hardissen auf. Sie ist seit drei Jahren Vorsitzende des Fördervereins. Die 35-Jährige arbeitet auch am Westfälischen Forum für Kultur und Bildung in Paderborn mit, hält dort Vorträge über Migration und Flüchtlinge. Im Oktober beginnt sie in Bielefeld ein Studium der Rechtswissenschaft. Ihr Ziel? "Wenn es klappt, würde ich gern als Anwältin für Europarecht arbeiten", verrät sie einen Traum. "Die Kinder werden älter, ich habe schon eine Familie und kann dann in die große Welt ziehen", strahlt sie. Eine Frau, die etwas erreicht hat und sich freut, noch weiter die Flügel ausstrecken zu können. Den Weiterbildungspreis erhält Nebahat Cakir, die im lippischen Lage wohnt, beim Deutschen Weiterbildungstag in Berlin am 28. September, wo vier "Vorbilder der Weiterbildung" geehrt werden - Menschen oder Projekte, die im besten Sinne für Weiterbildung und lebenslanges Lernen stehen.

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