Widmet sich ungewöhnlichen Komponisten: Die Pianistin Ana-Marija Markovina. - © Ulla Meyer
Widmet sich ungewöhnlichen Komponisten: Die Pianistin Ana-Marija Markovina. | © Ulla Meyer

Paderborn Kraftvolles Klavierkonzert in der Paderhalle

Radikale Klänge: Ana-Marija Markovina beeindruckt mit Werken von Carl-Phillip Emanuel Bach und Modest Mussorgski

Ulla Meyer

Paderborn. Radikale Individualisten, radikale Programmänderung und alles noch besser als gedacht. Im gediegenen Klassikbetrieb fallen Begriffe wie radikal, verstörend oder gar exzentrisch recht selten und sind in der Regel für die Avantgarde reserviert. In der Paderhalle gastierte die 1970 geborene Pianistin Ana-Marija Markowina und stellte im ersten Teil ihres Programms einen Komponisten vor, den alle zu kennen glauben, doch irgendwie dann doch nicht, schon gar nicht wegen seiner Radikalität. Die Rede ist von Carl-Phillip Emanuel Bach, Johann Sebastians zweitältestem Sohn, zu seiner Zeit ein Superstar unter den Komponisten, später nahezu vergessen. Ana-Marija Markowina behauptet schlicht, dieser Bach habe ihr Klavierspiel verändert, die Musikwelt revolutioniert und kenne keine Regeln, keine Harmoniegesetze und keine Grenzen. Was für den engagierten Durchschnittsklavierspieler schwer zu begreifen ist, wo doch Johann Sebastian über Jahrhunderte die polyphonen Maßstäbe setzte und die Werke des Sohnes mit ihren oft so simplen Dreiklangsbrechungen nicht ganz ernst genommen wurden. Ana-Marija Markowina sieht das anders und rückte in einem gut 50-minütigen Programm sämtliche Facetten des verkannten Meisters in den Fokus. Dass der Ablauf des ersten Teils von der Pianistin komplett geändert wurde, konnte dem leider recht spärlich erschienen Publikum herzlich egal sein, Carl Philipp Emanuel kennt man kaum, da ist es unerheblich, ob nun die Freie Fantasie fis-Moll oder die Fantasie II erklingt. Klar wird jedoch, dass die engagierte Pianistin an der klanglichen Befreiung dieser Musik mit jedem Ton kämpft und deutlich macht, dass hier nicht nur die engen Grenzen des Cembalos gesprengt werden, sondern auch die der Rezeption. Akkordspiel in sämtlichen klanglichen Abstufungen, sensibler Pedalgebrauch, gedehnte Pausen, es ist der Geist der Romantik, der sich aus den alten Klängen schält und damit der Geist des pianistischen Virtuosentums, das sich in dieser Form erst viel später entwickeln wird. Ganz besonders deutlich im Schlussstück des ohne Pause und Applaus durchgespielten ersten Teil des Abends, dem Moderato aus der Sonate a-Moll Wq 49 Nr. 1, dessen hintergründige Spritzigkeit das Publikum begeisterte. Dass Modest Mussorgski als radikaler Individualist gilt, war eigentlich schon bekannt, doch Ana-Marija Markovina setzt auch dem altbekannten "Bilder einer Ausstellung" noch ein paar Freiheitsgrade zu. In ihrer Anmoderation bekennt sie sich zur konkreten Umsetzung der Bilder, von denen nur sechs erhalten blieben. "Baba Yaga ist wirklich eine böse Hexe!", was mehr als deutlich wurde in einer Interpretation, die selbst die weiten Grenzen der "Bilder" sprengte. Eine pianistische Eruption, die die enormen technischen Anforderungen an diese Musik vergessen ließ und scheinbar mühelos noch die letzten Möglichkeiten des Programms auslotete. Irgendwie schien die Pianistin aus Mussorgskis Zyklus, der andere bis an die Grenze fordert, neue Kraft geschöpft zu haben. Scheinbar mühelos legte sie zwei hochvirtuose Zugaben nach und machte den Eindruck als könne sie noch ewig so weiter spielen.

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