Belesen: Peter Bürger (m.) im Kreis der DIP-Kommunalpolitiker Reinhard Borgmeier (v. l.), Peter Leppin, Cornelia Austermeier (Fraktionsgeschäftsführerin) und Roswitha-Köllner. - © Foto: Igges
Belesen: Peter Bürger (m.) im Kreis der DIP-Kommunalpolitiker Reinhard Borgmeier (v. l.), Peter Leppin, Cornelia Austermeier (Fraktionsgeschäftsführerin) und Roswitha-Köllner. | © Foto: Igges

Paderborn Theologe Peter Bürger wertet Jaegers Verhalten als Kollaboration

Hans-Hermann Igges

Paderborn. Er soll Soldaten in Gottes Namen für Führer, Volk und Vaterland in den Tod gepredigt, vom NS-Regime verfolgte Priester nach dem Krieg zum Stillschweigen ermahnt und dem Regime nahe stehende gedeckt haben. Er soll ein römisch-katholischer Brückenbauer zum Nationalsozialismus gewesen sein, gar ein Kollaborateur, Paderborns ehemaliger Erzbischof Lorenz Kardinal Jager. Noch heute steht der Mann, der 1941 bis 1973 Oberhirte des Erzbistums war, bei vielen in hohem Andenken. Doch zum 70. Jahrestag des Kriegsendes 1945 ist auch die Kritik an ihm wieder laut geworden. Die Demokratische Initiative Paderborn (DIP), mit drei Vertretern eine der kleinsten Fraktionen im Rat, hat die Streichung seines Namens aus der Ehrenbürgerliste beantragt - so wie das 1983 bisher allein mit Adolf Hitler geschah. 1956 war Lorenz Jaeger nach einstimmigem Ratsbeschluss zum Ehrenbürger ernannt worden. Rückendeckung dafür bekommt die DIP von dem aus dem Sauerland stammenden Theologen und Publizisten Peter Bürger. Unter dem Titel "Lorenz Jaeger und die ,Stufen der Kollaboration?" hat er eine 24-seitige Stellungnahme mit Dokumentation zum Antrag der DIP verfasst, die gestern vorgestellt wurde. Sein Fazit: "Wir Heutigen haben kein Recht, aus bequemer Position heraus einen Bischof der nationalsozialistischen Zeit oder sonst jemanden zu verurteilen, weil er keinen Widerstand geleistet hat. Es geht um Stufen einer ohne äußeren Zwang getätigten Kollaboration mit dem nationalsozialistischen Regime und speziell dessen Kriegsapparat." Dies könne nicht ohne Folgen bleiben für das öffentliche Geschichtsgedächtnis, welches auch den Verantwortungsbereich eines Kommunalparlamentes berühre. Aber auch für die Kirche fordert Bürger Konsequenzen: "Die Initiative sehe ich nicht als Angriff, sondern als Geschenk an die Kirche. Sie sollte nicht mit den üblichen Reflexen aufgegriffen werden." Damit meint Bürger den Umgang mit Jaeger in der veröffentlichten Kirchengeschichte. Scharf griff er gestern das Standardwerk des Kirchenhistorikers Herbert Gruß von 1995 über Jaeger an, das ein völlig falsches Bild des Oberhirten zeichne. Aber auch der letzte Band der offiziellen Bistumsgeschichte von Hans-Jürgen Brand und Karl Hengst über die Zeit von 1930 bis 2010 ignoriere die Ergebnisse der Forschungen u. a. von NW-Lokaljournalist Wolfgang Stüken, der 1999 Jaegers Nähe zur NS-Ideologie in seinem Buch "Hirten unter Hitler" sauber nachgewiesen habe. Der 1961 geborene Sauerländer machte gestern klar, dass ihm der kritische Umgang mit dem "Bischof meiner Jugend" nicht leicht gefallen sei. Auch werde sich seine in Paderborn lebende 90-jährige Tante sicher nicht darüber freuen. Aber es müsse im Sinne von Papst Franziskus nun Schluss sein mit der Kultur des Selbstlobs und einer "Geschichte voller Unwahrheiten, die der Kirche nicht gut tut". Positive Ansätze sieht Bürger denn auch in jüngsten Äußerungen des aktuellen Militärbischofs Franz-Josef Overbeck und Worten des Bischofs der katholischen Friedensbewegung Pax Christi, Hans-Josef Algermissen, früher Paderborn, heute Fulda. Bürger nannte eine Reihe von Jaeger-Zitaten, die ihm "die Tränen in die Augen" getrieben hätten: So seine devote Haltung dem Gauleiter gegenüber, ausgerechnet in Münster, der Stadt des NS-kritischen Bischofs von Galen. Oder sein Bremsmanöver im Episkopat, als viele Bischöfe 1943, dem Jahr massenhafter Deportationen, ein Signal für Menschlichkeit setzen wollten. Oder seine Förderung der NS-Rassenlehre auch an der Theologischen Fakultät. Auch nach dem Krieg habe Jaeger nie Selbstkritik gezeigt. Seine Kollaboration sei nicht mit der späteren öffentlichen Würdigung vereinbar.Auseinandersetzung tut Not Umstrittener Eintrag in Ehrenbürgerliste Durfte der Erzbischof den Krieg Hitler-Deutschlands in der Art rechtfertigen? Zweifellos hatte Lorenz Jaeger nach 1945 allen Grund, seine das NS-Regime aktiv stützende Rolle in den Hintergrund treten zu lassen. Damit war er in Gesellschaft vieler. Gegenseitig ließ man sich seine Verstrickungen durchgehen, hatte Verständnis und half sich bei Rechtfertigungen. Sein Name auf der Liste der Paderborner Ehrenbürger mag für manche zu Recht auch posthum unerträglich sein. Viel wichtiger als ihn von diesem Sockel zu stürzen, ist aber die Auseinandersetzung mit der Rolle dieses konkreten Kirchenführers in der NS-Zeit. Da wünscht man sich auch 70 Jahre nach Kriegsende immer noch viel mehr – von weltlicher und kirchlicher Seite.

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