Der Richter vom Landgericht Paderborn ließ in diesem Fall Milde walten. - © picture alliance / dpa
Der Richter vom Landgericht Paderborn ließ in diesem Fall Milde walten. | © picture alliance / dpa

Paderborn Angst um den Job: Zusteller fährt trotz Führerschein-Entzug Auto

36-Jähriger will ab sofort mit dem Fahrrad seinem Job nachgehen

Jutta Steinmetz

Paderborn. 334 Fälle in einer Anklage zur Sprache gebracht, das hört sich an einem uneinsichtigen, möglicherweise sogar gefährlichen Kriminellen an. Doch der Fall, den Richter Michael Vondey am Mittwoch im Amtsgericht zu verhandeln hatte, war deutlich anders gestrickt. Achim I. (Name geändert) verdient als Zusteller sein Geld. Für den gelernten Bauzeichner ist das eine wichtige Sache. Denn er braucht den Job, um vor allem den Unterhaltsverpflichtungen für seine beiden Kinder nachkommen zu können. Seine Rente, die der 36-Jährige seit einem schweren Verkehrsunfall bekommt, reicht dafür nicht aus. Es sei der Grundsatz seines Mandanten, nicht der öffentlichen Hand zur Last zu fallen, erklärte Verteidiger Franz Zacharias. Ein löblicher Vorsatz, doch der brachte Achim I. in die Bredouille, als er seinen Führerschein verlor – zum wiederholten Mal. Der Paderborner hat nämlich seit seinem Unfall mit einem Drogenproblem zu kämpfen, wird aber substituiert und gilt seinem behandelnden Arzt als sehr zuverlässiger Patient. Bei einer Kontrolle aufgeflogen Das Fahrverbot verschwieg er trotzdem – aus Angst, seinen Job als Zusteller zu verlieren und damit dann auch sein Umgangsrecht für die zwei Kinder in Gefahr zu bringen, wie Franz Zacharias erläuterte. Das ging mehr als ein Jahr gut, der Paderborner war beruflich am Steuer eines Autos unterwegs – unfallfrei. Im September vergangenen Jahres geriet Achim I. in eine Kontrolle. Bei den sich anschließenden Ermittlungen wurden auch die Tätigkeitsnachweise bei seinem Arbeitgeber in Augenschein genommen und so wurde offenbar, dass der 36-Jährige seit dem Verlust seiner Fahrerlaubnis 334 Mal hinter dem Steuer eines Fahrzeugs gesessen haben könnte. Richter Vondey ließ angesichts aller positiven Aspekte Gnade walten, beschränkte sich auf die Aburteilung von 100 Fahrten und verhängte eine einjährige Freiheitsstrafe, die er, wie von Verteidiger Zacharias angeregt, trotz einschlägiger Vorstrafen zur Bewährung aussetzte. Nach den Buchstaben des Gesetzes komme das eigentlich nicht infrage, sagte der Richter. „Aber man kann es sich nicht so einfach machen." Unternehmen ließ ihn nicht im Stich Achim I. sorge pflichtbewusst und gewissenhaft für seine Familie, wolle tunlichst vermeiden, dem Sozialstaat auf der Tasche zu liegen und sei augenscheinlich bei seinem Arbeitgeber sehr anerkannt. Der hatte nämlich, nachdem bekannt wurde, dass Achim I. keine Führerschein mehr hat, den Paderborner nicht vor die Tür gesetzt, sondern weiter an ihm festgehalten und sich um eine Lösung bemüht. Der 36-Jährige versieht jetzt seinen Dienst via Fahrrad zur vollsten Zufriedenheit aller Beteiligten. Allerdings machte Richter Michael Vondey zur Auflage, dass Achim I. regelmäßig Drogenscreenings vornehmen lässt und sich dann doch einmal einer stationären Therapie stellt. Allerdings, so betonte er, drohe dem 36-Jährigen bei der „kleinsten Kleinigkeit" illegalen Handelns der Widerruf der Bewährung und damit dann doch der Verlust der Freiheit.

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