Bittet um Geduld: Jean (Laura Holstein) fühlt sich von ihrer speisenden Verwandtschaft missverstanden. - © Svenja Ludwig
Bittet um Geduld: Jean (Laura Holstein) fühlt sich von ihrer speisenden Verwandtschaft missverstanden. | © Svenja Ludwig

Paderborn Schwarzes Theater spielt das Stück "Eine Familie"

Im März gibt es drei weitere Aufführungen

Svenja Ludwig

Paderborn. "Ich bin Beverly. Das ist Violet, meine Frau. Sie nimmt Tabletten und ich trinke." So erfrischend ehrlich begrüßt der betagte Beverly Weston scheinbar jeden - konsequenterweise auch das Premierenpublikum von "Eine Familie" am Samstagabend. Die bucklige Verwandtschaft nimmt es mit der Aufrichtigkeit hingegen nicht ganz so genau. Mit dem Anstand übrigens auch nicht. Oder mit der Liebenswürdigkeit. Mit umso mehr schwarzem Humor zeichnet das Schwarze Theater des Westfalen-Kollegs ein bitterböses Familienporträt voller gut gehüteter Geheimnisse, Skandale und Tabubrüche. Es wird im Prinzip permanent geschrien, gezetert und gewettert. Kein Wunder, dass Beverly (Philipp Köster) sein Heil im Freitod sucht. Um die hinterbliebene, krebskranke Violet (klasse: Anne Kramer) in dieser schweren Zeit zu unterstützen, reist die Familie an. Die Weston-Furien dreier Generationen bringen allerdings mit virilem Anhang auch ihre eigenen Probleme mit. So versucht Violets Tochter Barbara (Sarah Schulz), einen Rosenkrieg mit ihrem Gatten Billy anzuzetteln. Der ist nämlich in der männlichen Menopause und hat sich - "typisch Geisteswissenschaftler!" - eine junge Geliebte zugelegt. Bloß streiten will er partout nicht - "Billy, krieg doch bitte mit, wenn ich versuche, dich zu erniedrigen!" Auch die 14-jährige Jean (herrlich: Laura Holstein) in- wie exklusive Jungfernhäutchen macht Barbara mit ihrer Schwäche für Berauschendes nur Kummer. Barbaras Schwester Karen hingegen ist frisch verliebt und bemüht, das jedem mitzuteilen. Sie redet. Viel. Ständig. Und wirr: "Als ich Sex mit meinem Kissen hatte,habe ich mir nicht Steve vorgestellt, aber er tut mir gut", plappert sie in tinnitusauslösenden Frequenzen. Der erwähnte Angebetete fügt sich bei seiner Einführung in den Weston-Clan nahtlos in die moralischen Konventionen ein und treibt beharrlich sein primäres Interesse voran, der jungen Jean sein Gemächt zu präsentieren. Mit ihrer Boshaftigkeit, den Lästereien, den Demütigungen des nichtsnutzigen Sohns setzt Violets Schwester Mattie Fae (Svenja Tewes) dieser Sippschaft die Krone auf - und zwar gleich doppelt. Tewes begeistert mit Flapsigkeit, dröhnendem Organ und viel bösartigem Witz. Das Ensemble unter der Regie von Frank Böck hat "Eine Familie" vom amerikanischen Autor Tracy Letts radikal gekürzt. Im Original bespaßen die Westons ihre Zuschauerdreieinhalb Stunden. In der Version des Schwarzen Theaters ist nach kurzweiligen zwei Stunden Schluss. Schade eigentlich.

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