Paderborn Erwin Grosche erzählt: Frau Arends und ihr Herz für Straßenhunde

Padersönlichkeiten – Geschichten aus der Nachbarschaft (13): Michaela Arends teilt ihr Leben mit zwei 
ehemaligen Straßenhunden aus dem Ausland. Und das hat sehr willkommene Nebenwirkungen

Erwin Grosche

Paderborn. Kann es sein, dass es woanders immer schöner ist? Wie oft besuche ich eine Padersönlichkeit und würde dort lieber wohnen als bei mir. Natürlich wird aufgeräumt, wenn Besuch kommt, aber trotzdem ist es erstaunlich, wie schön es sich alle machen können. Bei Michaela Arends sind Palmen im Garten und in einem kleinen Gewächshaus werden Tomaten gezogen. Sie wohnt „An der schönen Aussicht" und so ein Straßenname verpflichtet. Ich erwartete, dass die schöne Aussicht eine schöne Aussicht hat, aber auch im Anhalterweg stehen nie Anhalter und wollen mitgenommen werden. „Ich vermute mal, dass man früher direkt auf den Dom schauen konnte", versucht mir Frau Arends den Straßennamen zu erklären. Heute ist ein Domweg in der Nähe und Optik Schiller garantiert einen guten Blick auf Blumen Joksch. Es ist kalt. Juliane Befeld drückt zum zweiten Mal auf das eingedellte Klingelschild. Meine Fotografin hat ihre Hundekamera dabei, die aussieht wie ein Knochen und dadurch alle Hunde erstaunt in die Linse blicken lässt. Eine geniale Erfindung, durch die ihr schon viele ausdrucksstarke Hundefotos gelungen sind. Frau Arends wohnt im Garten Wir warten. Frau Arends hat uns in ihrer Mail vorgewarnt: „Nach dem Klingeln dauert es einen kleinen Moment. Ich komme dann zur Türe, da wir im Garten wohnen und man uns schlecht findet, wenn man noch nicht bei uns war." Endlich öffnet sich die erste Einlasstür und Frau Arends steht vor uns. Auf mäandernden Wegen führt sie uns in ein zurückliegendes Gartenhaus. Beim Eintritt in den Wohnbereich werden wir von Hundegebell begrüßt. Zwei Hunde, Inka und Yuki, empfangen uns auf diese Weise. Noch empfinden sie uns als Eindringlinge, die nur gekommen sind, um ihren Frauchen den Kuchen wegzuessen und so ganz verkehrt liegen sie nicht. Michaela „Ela" Arends, unsere neue Padersönlichkeit, hat aus der Bäckerei Schäfers Teilchen geholt, die auf dem Wohnzimmertisch auf einem Tablett locken. Ich kenne die Bäckerei Schäfers, die mit 700 Filialen ein Gigant auf dem Markt ist und sich trotz dieser Größe als regionale Marke etabliert hat. Ich schaue mich um. Wie schön es hier ist. Eine moderne Wohnlandschaft lädt ein zum Kochen, Leben und Träumen. Der Kamin sorgt für behagliche Wärme und eine große Fensterfront gibt den Blick frei auf Bambusstauden und Palmen. Sind wir noch in Paderborn? Inka und Yuki, zwei ehemalige Straßenhunde Die Sonne scheint in die Wohnung und wir halten uns alle bescheiden zurück, um den Zauber nicht zu zerstören, nur Inka und Yuki, die beiden Straßenhunde, bauen sich vor der Kamera von Juliane Befeld auf, um fotografiert zu werden. „Inka hieß schon im Tierheim Inka!", erzählt gerade Michaela Arends. „Sie ist mein Seelenhund." Inka kam aus Ungarn nach Paderborn. Er hat keine Rute und dort, wo was wächst, sprießt nur zotteliges Fell empor. Es ist ein Wunder, dass ihn jemand gern hat und Michaela Arends hat ihn gern. Sie ist ein Hundemensch. Ihr zweiter Hund Yuki hieß mal Deborah und stammt aus Polen. Er kam als Pflegehund in die Familie und eroberte sich zuerst das Sofa und dann die Herzen der Arends. Es ist rührend zu erleben, wie Hunde uns zu besseren Menschen machen können. Man blüht mit einem Hund auf und wird wieder zu dem, der man mal sein wollte. Was wären wir ohne Haustiere? Auch unser stellvertretender Bürgermeister Honervogt glänzt in seinem Amt, weil er einen Hund zu beschützen hat. Bürgermeister Dreier hütet zu Hause Bienen, die ihn fordern und an das wahre Leben erinnern. Ich weiß natürlich nicht, ob man Bienen so gerne haben kann wie Hunde, aber Hauptsache, man kümmert sich um jemanden, egal ob Mensch, Tier oder Pflanze. Aus dem Puls der Stadt in die Stadtheide Michaela Arends kam aus Bad Driburg nach Paderborn. Die Universitätsstadt ist die einzige Großstadt, in der sie seitdem wohnt. Ihre erste Unterkunft fand sie im Riemekeviertel, dort wo das Leben tobt und das Herz der Stadt schlägt. Wer einmal im Riemekeviertel gelebt hat, weiß, wie sich Menschen fühlen, die in Berlin oder New York zu Hause sind. Sie besuchte die Helene-Weber-Schule, um dort eine Ausbildung als Tischlerin zu machen. Schnell merkte sie, dass Ihre Interessen nicht im handwerklichen Bereich liegen. Natürlich plottet sie heute noch gerne und bedruckt T-Shirts mit ihrer Hände Arbeit, aber ihr Herzblut entdeckte sie im sozialen Bereich. Heute leitet sie eine städtische Kita und ein Familienzentrum inmitten der Paderborner Stadtheide. Als sie 2003 ihr neues Zuhause an der schönen Aussicht bezog, konnte sie erst gar nicht schlafen, weil es dort so still war. Wer einmal im Riemekeviertel gelebt hat, für den ist später alles Bullerbü. Der Seelenhund aus Ungarn „Dann kam im Sommer 2012 meine Diagnose Brustkrebs", erzählt Michaela Arends. Ich sehe wie Juliane Befeld ihre Kamera weglegt. Es ist nicht nur schwierig, über Krankheiten zu sprechen, es ist auch schwierig davon zu hören. Man fühlt sich hilflos in seinem Nichtbegreifen und versteht sofort, wie wichtig ein treuer strubbeliger Straßenhund aus Ungarn sein kann. „In Augenblicken, wo’s mir schlecht ging", erzählt unsere Padersönlichkeit weiter, „da hat Inka mit mir nur auf dem Sofa gelegen, und das war okay für sie. Es gab auch Zeiten, da waren wir eigentlich nur unterwegs, und auch das war für sie okay. Das fand ich schon echt erstaunlich, dass sie einfach so’n Gespür hatte, was steht jetzt an." Damals saß Frau Arends eines Tages bei ihrem Hausarzt und dachte, wenn ich jetzt über ein Jahr nicht arbeiten kann, dann werde ich wahnsinnig. „Da hat er mir geraten, damals hieß ich noch Frau Körner, Frau Körner, sie brauchen ein Projekt. Also ein Fotobuch oder so, was er meinte, wollte ich nicht machen, aber dann hatte ich eine Idee." Das Projekt "Straßenhund? Na und!" Michaela Arends wollte etwas tun, zu dem sie vorher vor lauter Arbeit nie gekommen war. So entstand das Treffen für Hundebesitzer mit Straßenhunden aus dem Ausland: „Straßenhund? Na und!" Sie druckte Flyer, sprach Freunde an, die einen Straßenhund haben und baute alles ganz langsam auf. „Wir treffen uns in der Regel einmal die Woche mit unterschiedlichen Aktionen. Im Moment laufen wir viel, da es auch kalt ist. Wir waren eine Zeit lang auch auf der Hundewiese und hatten einen Hundetrainer dabei." Mehr Infos auf Facebook und online. Plötzlich erklärt 
sich der Name 
für die Straße Als der Kuchen aufgegessen ist, zeigt uns unsere Padersönlichkeit noch ihren wunderschönen Garten. Inka und Yuki laufen zu Juliane Befeld und posieren vor ihrer Hundekamera. „Damals gab es Tage, da ging’s mir richtig schlecht, da war das Leben ziemlich schmalspurmäßig und Sofa. Aber es ist trotz all dem Übel, das damit zusammenhing, schon eine wertvolle Erfahrung gewesen, und vieles, was ich jetzt mache oder denke, hängt damit auch zusammen. Da bin ich einfach dankbar für." Ich nicke und schließe die Augen. Wir müssen froh sein, wenn wir jemanden kennen, der uns sein Vertrauen schenkt. Plötzlich weiß ich, warum die Straße „An der schönen Aussicht" so heißt. Michaela Arends und Inka und Yuki wohnen hier.

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