Die Schulleiter in Paderborn haben unterschiedliche Meinungen zu den verbindlichen Grundschulempfehlungen. - © picture alliance / dpa
Die Schulleiter in Paderborn haben unterschiedliche Meinungen zu den verbindlichen Grundschulempfehlungen. | © picture alliance / dpa

Paderborn Paderborner Schulleiter sehen verbindliche Empfehlung der Grundschulen kritisch

Paderborner Schulleiter haben unterschiedliche Meinungen
zu dem Vorstoß der NRW-Schulministerin Gebauer, zu verbindlichen Einschätzungen zurückzukehren

Holger Kosbab

Paderborn. Rund 1.400 Grundschüler wechseln in Paderborn nach der Klasse 4 jedes Jahr auf die weiterführenden Schulen. Über ihre schulische Laufbahn haben zuletzt die Eltern entschieden. Es gab zwar Empfehlungen der Grundschule; diese waren jedoch nicht verpflichtend. Das könnte sich in Zukunft wieder ändern. NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) denkt über eine Rückkehr zu verbindlichen Empfehlungen nach – so wie es sie bis 2011 gab. Ein Grund dafür sind wohl diese Zahlen: Seit 2011 stieg die Zahl der Abbrecher an NRW-Gymnasien nach Klasse 6 von 2.190 auf zuletzt 2.773. Diese Entwicklung ist auch in Paderborn erkennbar. Hier wechselten 2016 vom Gymnasium (Klasse 7 bis 9) 42 Schüler zur Realschule, 13 zur Gesamtschule. 2017 waren es 63 (13). Alfred Alberti, Leiter der Dionysius-Grundschule in Elsen, ist es rätselhaft, warum das Thema ohne Grund losgetreten wird: „Bei uns im Kollegium kenne ich niemand, der diesem Irrweg Sympathien entgegen bringt – und ich am allerwenigsten." Die Grundschullehrer berieten nach bestem Wissen und Gewissen die Eltern – und die sollten entscheiden. „Wem dient das, wenn die Grundschule zwangsverpflichtet wird, Prognosen abzugeben über Schüler, die in der Zukunft einen ganz anderen Weg einschlagen können", sagte Alberti. "Das tut den 
Kindern nicht gut" Die Durchlässigkeit der Bildung müsse gestärkt werden – „und nicht das Aussortieren und Ausbremsen". Verbindliche Empfehlungen würden einen unheimlichen Druck in die Schule bringen. „Das belastet das Verhältnis zwischen Lehrern, Eltern und Schülern." Andrea Woitschek, Leiterin der Stephanus-Grundschule, findet es sehr gut so, wie es im Augenblick läuft. „Mir ist das Mitspracherecht der Eltern sehr wichtig", sagte sie. Sonst würde man ihnen zu viel Verantwortung wegnehmen. „Die Eltern wollen natürlich das Beste für ihr Kind", deshalb sei eine individuelle Beratung ganz wichtig. Manchmal höre Woitschek zwar von Demotivation und Misserfolgen der Kinder in der weiterführenden Schule, aber genauso kenne sie Gegenbeispiele, wo sich Schüler positiver entwickelten. Würden die Empfehlungen der Grundschulen wieder verpflichtend, rechnet sie mit einem zunehmenden Druck der Eltern auf die Kinder: „Das tut den Kindern nicht gut." Für den Leiter der Grundschule Overberg, Steffen Schmidt, habe das Thema keine Priorität, die Problematik sieht er jedoch sehr zwiegespalten. Es gebe sehr viele Eltern, die sehr bewusst, intensiv und verantwortungsvoll mit der Entscheidung umgehen, die ganz häufig einvernehmlich ausfalle. Aber sicher kenne er auch Eltern, die für ihr Kind anders entschieden. Peter Lütke Westhues, Leiter des Pelizaeus-Gymnasiums, könne mit einer verbindlichen Empfehlung „ganz gut leben". Er schätze die Arbeit der Grundschullehrer, die die Kinder vier Jahre kennengelernt hätten und die Leistung einschätzen könnten: „Das sind Profis." Dennoch falle die Entscheidung über die schulische Zukunft recht früh. Zu Abgängen nach der Erprobungsstufe (Klasse 5 und 6) am Pelizaeus-Gymnasium sagte Lütke Westhues, dass betroffene Schüler die unterschiedlichsten Empfehlungen gehabt hätten. Anteilig höher war jedoch die Zahl derer, die eine Realschulempfehlung hatten. Sollten verbindliche Empfehlungen tatsächlich zurückkommen, müsse die Durchlässigkeit gewährleistet bleiben, sagte er. Entwickele sich etwa ein Kind in der Realschule sehr gut, müsse es in die Sekundarstufe I wechseln können. Sehr mutig fände eine Rückkehr zu verbindlichen Empfehlungen Eva Sprenger, Leiterin des Gymnasiums Schloß Neuhaus (GSN). „Mit dem bisherigen Verfahren machen wir gute Erfahrungen. Zu einem sehr hohen Prozentsatz stimmen die Empfehlungen der Grundschulen mit dem überein, was wir sehen." Einige wenige Schüler machten aber die negative Erfahrung eines notwendigen Schulwechsels, der durch verbindliche Empfehlungen vielleicht wegfallen würde. Kinder mit einer reinen Realschulempfehlung gebe es am GSN aber kaum, sagt Sprenger. „Sehr wohl aber welche mit einer eingeschränkten Empfehlung. Die schauen wir uns in der Erprobungsstufe sehr genau an." "Ein ungeheurer Druck würde ausgeübt" Philipp Beil, Leiter der Realschule Schloß Neuhaus, würde die Empfehlungsverbindlichkeit befürworten. „Die Grundschulkollegen arbeiteten sehr präzise und seriös", sagte er. Zudem seien die Schulsysteme durchlässig: Im Abschlussjahrgang hätten regelmäßig mindestens 60 Prozent der Schüler einen Q-Vermerk zum Besuch einer gymnasialen Oberstufe. Genauso habe die Neuhäuser Realschule zu Beginn des 7. Schuljahres Anfragen von Abgängern der Paderborner Gymnasien, von denen aufgrund der Kapazität nur ein geringer Teil aufgenommen werden könne. Sollte die Verbindlichkeit der Schulempfehlungen zurückkommen, würde als Folge „ein ungeheurer Druck auf die Grundschulen ausgeübt werden", sagt Lothar Schlegel, Leiter der Friedrich-Spee-Gesamtschule. „Wir fänden es am besten, wenn die Empfehlungen komplett wegfallen würden." Warum? Das beste Abitur eines Jahrgangs hatte kürzlich ein Schüler mit einer Hauptschulempfehlung gemacht. „Die Schulformempfehlungen erfolgten aufgrund einer Momentaufnahme zur Mitte des vierten Schuljahres", sagt der Schulleiter. Es sei eine auf dreieinhalb Jahren basierende Prognose für die nächsten sechs bis neun Jahre.

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