Its showtime: Der Revuecharakter bestimmt den zweiten Teil des Abends, in dem auch Denis Wiencke, Stephan Weigelin, Ogün Derendeli, Kirsten Potthoff, Tim Tölke, Josephine Mayer und Alexander Wilß (hinten von l.) zu Jazz, Swing und dem Can Can die Tanzbeine schwingen. - © Meinschäfer / Theater Paderborn
Its showtime: Der Revuecharakter bestimmt den zweiten Teil des Abends, in dem auch Denis Wiencke, Stephan Weigelin, Ogün Derendeli, Kirsten Potthoff, Tim Tölke, Josephine Mayer und Alexander Wilß (hinten von l.) zu Jazz, Swing und dem Can Can die Tanzbeine schwingen. | © Meinschäfer / Theater Paderborn

Paderborn Theater Paderborn begeistert mit "Die Blume von Hawaii"

Es gelingt der Sprung ins Zeitlose

Ann-Britta Dohle

Paderborn. Mit "Die Blume von Hawaii" (Grünwald/Loehner-Beda), einer rasanten Mischung aus Operette, Musical und bissiger Persiflage ging am Samstag genau jenes Theaterstück über die Bühne des Theaters Paderborn, das sich manche auf dem Silvester-Spielplan gewünscht hätten. Regisseur Ingmar Otto inszeniert die Kolonialzeitschnulze der 20er Jahre aus überbordendem Kitsch und Klischees herrlich überdreht. Dabei kommen die live begleiteten Lieder (Musik: Paul Abraham) gerade im ersten Teil noch altertümlich daher; aber spätestens der erste Auftritt der zehn tanzenden Hawaiianerinnen lässt in seiner grotesken Überspitzung schon den späteren Theaterwahn anklingen. Sexuelle Vulgarität Sperriger Start. Denn die amerikanischen Besetzer Hawaiis, die Gouverneurs-Ratte Harrison (David Lukowczyk) und seine Nichte Bessi (Josephine Mayer), lassen ihrer sexuellen Vulgarität freien Lauf, so dass die jüngst enthüllten Sex-Skandale der Glimmerwelt sich unweigerlich aufdrängen. Vielleicht beabsichtigt, aber dennoch schwer zu fassen sind die Männerhände, die auf jedem Hintern landen, während Bessi sich zwischen die Beine fasst und ihr Gesäß frivol in den "Hula"-Tanz schiebt. Doch die heutige Wiederbelebung der Operette bietet mehr und sprengt zunehmend die Grenzen zwischen Boulevard, Irrsinn und Musicalspektakel. Prinzessin Laya wird sehnsüchtig von den beiden letzten Insel-Revoluzzern aus Paris zurück erwartet. Sie soll den seit Kindheitstagen versprochenen Prinz Lilo-Tito heiraten, der, welch Zufall, zeitgleich aus Amerika zurückkehrt. Doch Gouverneur Harrisson will seine Nichte Bessi mit dem Prinzen verheiraten, um seine Macht zu festigen. Und dann ist da noch der Sekretär Buffy (herausragend: Tim Tölke), der sich doch eigentlich in Bessi verguckt hat. Schauspielerisch sehenswert Dass das Verwechslungsspiel um Liebe und Feindschaft schließlich als überschäumendes Rosenblütendrama geschieht, und auch schauspielerisch noch sehenswert bleibt, liegt an der sich steigernden Darbietung der Darsteller. Kirsten Potthoff gelingt eine beachtliche "Doppelrolle". Während sie als Layla süß schwankend zwischen dem marschrutenorientierten Kapitän (Alexander Wilß) und dem Prinzen (gesangsstark: Ogün Derendeli) schwankt, mit denen sie beiden ein herzerweichendes Duett singt, zeigt sie sich als französische Sängerin Suzanne jazzig und mit unbezähmbaren Temperament. Josephine Mayer betört als Bessi mit kräftigem Gesang und ihrer Verruchtheit, besonders nach dem Genuss von Liebestropfen. Willi Hagemeier als bedachtsame Insel-Ikone Kaluna scheint direkt aus dem Cartoon entsprungen, großartige Karikatur unserer Exotik-Vorstellung. Insulanerin Raka (Gesa Köhler) "outet" sich als emanzipierte Frau. Regisseur Ingmar Otto gelingt im zweiten Teil, der in "Monte Carlo" spielt, der Sprung ins Zeitlose. Die schlechten Witze des Entertainers (Stephan Weigelin) werden in der Schokoladentorte begraben, der sich fortan selber als "Nigger" von jedermann abschlecken lassen darf. Vom Varieté-Himmel hinab schwebt der Transvestit (Denis Wiencke): ein finales Verführungsspiel beginnt. Die Separees stehen bereit zur Peep-Show des orgiastischen Miteinanders. Mitreißende Komik besticht Einer geht sicher als Held daraus hervor. Schlitzohr Buffy (überragend: Tim Tölke) sichert sich durch vertragliche Abtritts-Erklärungen der Konkurrenten seine Geliebte. Schauspieler Tim Tölke glänzt als liebenswert schrulliger Strippenzieher und besticht mit quirligem Charme und mitreißender Komik. Die allgegenwärtigen Tänzerinnen gliedern sich perfekt in das sehr bildhafte Geschehen, wie die großartig aufspielende Kombo aus Geige, Schlagzeug, Kontrabass und Klavier, die gerade beim Can-Can, Swing und Jazz die Operette hinter sich lässt. Frenetischer Applaus. Weitere Aufführungen: 2., 10., 16., 22. , 24. Februar, am 3., 8., 10. März, am 5. , 13. April um 19.30 Uhr sowie am 4. Februar und 18. März um 18 Uhr. Theaterkasse: Tel. (0 52 51) 28 81 10 0.

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