Am Küchentisch: Antonio Carrozzo wohnt in einem umgebauten Pferdestall. Am Arbeitsplatz hat er es dafür überhaupt nicht gemütlich. Zum Beruf gehören Verständnis und Gelassenheit. „Tony" kann zur Sicherheit aber auch Wing Chun. - © Juliane Befeld / Linsensüppchen 54
Am Küchentisch: Antonio Carrozzo wohnt in einem umgebauten Pferdestall. Am Arbeitsplatz hat er es dafür überhaupt nicht gemütlich. Zum Beruf gehören Verständnis und Gelassenheit. „Tony" kann zur Sicherheit aber auch Wing Chun. | © Juliane Befeld / Linsensüppchen 54

Paderborn Erwin Grosche trifft den Türsteher des Residenz-Clubs Antonio Carrozzo

Padersönlichkeiten – Geschichten aus der Nachbarschaft (12): Türsteher Antonio Carrozzo achtet vor dem Residenz-Club aufs Publikum

Paderborn. Natürlich wünschte ich mir, dass Antonio Carrozzo uns vor seiner Haustür empfangen würde, aber auch ein Türsteher hält sich lieber in gemütlichen Räumen auf, wenn es draußen kalt ist. Juliane Befeld, meine Fotografin, und ich sind deshalb nicht überrascht, dass sich Herr Carrozzo einen ehemaligen Pferdestall zu einer wunderschönen Wohnfläche ausgebaut hat. Alles ist hell und freundlich und nichts deutet auf seinen ungemütlichen Arbeitsalltag hin. Ich sehe keine Hanteln und kein Boxsack baumelt von der Decke. Wir sitzen unter einem Kronleuchter an einem großen Tisch, auf den gerade Antonio Carrozzos Lebensgefährtin einen selbst gebackenen Kuchen stellt. Es ist natürlich ein Marmorkuchen und die Stücke sind so groß, dass sie zu dem 1 Meter 85 großen Mann passen. Antonio Carrozzo wohnt seit 12 Jahren in Benhausen, dem kleinsten Stadtbezirk der Paderstadt. „Es gibt hier zwar keinen Wald und kaum Bäume", schwärmt er, „aber die Menschen sind offen und leben wirklich zusammen." Stolz erzählt er von Fritten-Peter, dessen berühmte Currywurst vor Blumen Risse angeboten wird und der ebenfalls in Benhausen lebt. „In meiner Straße war man nicht grün,nicht blau, nicht rot" Meine Fotografin Juliane Befeld packt umständlich ihre Kamera aus. Sie hat heute nicht ihre kleine Tochter dabei und man spürt, dass ihr etwas fehlt. Sie kommt gerade aus einem Silvesterurlaub, wo sie bewusst keine Fotos schoss, um dem heutigen Treffen mit unschuldigen Augen folgen zu können. Leider lässt sich so etwas schwer umsetzen, wenn das Model ein so interessantes Gesicht hat wie unsere Paderpersönlichkeit. Antonio Carrozzo, den in Paderborn alle nur „Tony" nennen, erzählt gerade davon, dass nur seine Mama ihn manchmal „Anton" nennt, wenn sie mit ihm nicht einer Meinung sein will. Das würde ich mich nicht trauen, zumal Herr Carrozzo Wing Chun trainiert hat und den Türsteher-Schein „34 a" besitzt. Er zählt neben Sven Marquardt vom Berghain in Berlin und Bernie Flottmann aus Hamburg zu den bekanntesten Türstehern der Szene. Antonios Mama lernte seinen Vater kennen, als dieser beim Industrieunternehmen Benteler in Schloss Neuhaus arbeitete. Das junge Paar ging dann nach Süditalien, wo der Vater viel zu früh starb. So lernte Antonio als Vierjähriger die Paderstadt kennen, wohin seine Mama mit ihren vier Kindern zurückgekehrt war. Schnell wurde die Domstadt seine Heimat. „In meiner Straße war man nicht grün, nicht blau, nicht rot, da war man Kind", erzählt Antonio Carrozzo. Vielleicht verschaffte ihm diese glückliche Kinderzeit die Grundlage für seinen späteren Beruf, wo Verständnis und Gelassenheit jeden Tag gefragt sind. Einer der bekanntesten Türsteher der Stadt Wir schweigen alle ein wenig und lauschen der riesigen Kaffeemaschine, die hinter uns stöhnt, als wäre sie gegen ihren Willen angestellt worden. Ich schaue auf Antonio Carrozzo und frage mich, wie man von einem zarten Kind zu einem der bekanntesten Paderborner Türsteher werden konnte. Stand er als Schüler der Georgschule oft draußen vor der Tür und fand dies besser als im Klassenraum dem langweiligen Unterricht zu folgen? Sperrte er sich als Jugendlicher mal aus und verbrachte glückselig die Nacht unter dem Paderborner Mond? „Zu den Aufgaben eines Türstehers gehört das Abweisen von Personen, die aus der Sicht des Veranstalters nicht in die Zielgruppe der Veranstaltung passen. Ihre Zuständigkeit ist örtlich durch die Grundstücksgrenzen und inhaltlich durch die Persönlichkeitsrechte der Gäste begrenzt." (Wikipedia) Ich nasche vom leckeren Marmorkuchen und beneide den ausgeglichenen Mann um seine Freundin, die er auch beim Türstehen kennengelernt hat. Ich habe immer geahnt, dass man nur lang genug auf einer Stelle stehen muss, dann kommt das Glück der Welt auch zu dir. Antonio Carrozzo wurde bei der Firma Köthenbürger Stahl- und Betonbauer. „Ich arbeitete gerne auf dem Bau und liebte die riesigen Werkzeuge und dass man immer sehen konnte, wie etwas entstand", erzählt Herr Carrozzo. Ich schaue meine Fotografin Juliane an und hoffe, dass sie diesen liebenswerten Augenblick seiner Erzählung festgehalten hat. Seit 15 Jahren vor dem Residenz Als unsere Padersönlichkeit 19 Jahre alt war, wurde ein Freund von ihm krank und er vertrat ihn im Roxi am Tegelweg. Er erinnert sich noch gut daran, dass diese Discothek direkt neben dem Kukoz, dem alternativen Kultur- und Kommunikationszentrum stand, und ihm die Leute, die dort ein und ausgingen unheimlich waren. Ich muss lachen, da auch ich damals im KukoZ meine Jugendzeit nachholte. Wir sahen alle fuchsteufelswild aus und hätten nie unsere Turnschuhe ausgezogen, um im OX-Palais hereingelassen zu werden. Seit 15 Jahren steht nun Antonio Carrozzo vor dem Residenz-Club, dem ehemaligen Kino und Gesellschaftshaus am Marienplatz. Da kann es regnen oder schneien, auf Antonio Carrozzo ist Verlass. Ein Fels in der Brandung, verlässlich wie das Hermannsdenkmal. „Manchmal trifft man Leute nach Jahren wieder, die früher wirklich Stammgäste waren und fragt, was los ist. Ja, sagen sie, ich habe Frau, Familie, Kinder und alles. Und Jahre später stehen sie plötzlich wieder an der Tür und wollen wieder rein. Da frage ich schon gar nicht mehr, was los ist, weil ich weiß, dass Frau, Familie und Kinder, dass das alles wieder Geschichte ist." Antonio Carrozzo kennt das Leben. An den Wochenenden und an den Feiertagen blickt er auf die Rückseite der Marienstatue und hofft, dass der Abend ein ruhiger Abend wird und die Feiernden die Liebe ihres Lebens treffen. „Es gibt Feste, wie Libori, auf die sich ganz Paderborn freut, aber da habe ich Manschetten vor", sagt Herr Carrozzo. Manchmal kommen Väter zu ihm und bitten ihn, ein besonderes Auge auf ihre Kinder zu werfen. Zum Jahreswechsel bekam er von den Italienern aus dem Eiscafé einen Teller Linsensuppe gebracht, da diese Suppe in Italien für Glück und Reichtum steht. „Ich hätte in keiner anderen Stadt das getan, was ich jetzt hier in Paderborn tue", murmelt Antonio Carrozzo. Er lacht und erzählt, dass er sich vorgenommen hat, nicht immer so grimmig zu schauen, aber er wirkt oft nur so und hat eigentlich gute Laune. In diesem Augenblick fällt mir auf, dass Antonio Carrozzo keinen Bissen von seinem Kuchen gegessen hat. So eine Willensstärke lernt man nur beim Wing Chun. Beim Abschied bringt uns „Tony" vor die Tür. Man spürt dabei seine jahrelange Erfahrung. Ich stelle mir vor, wie ich nach meinem Tod vor der Himmelstür stehe und dort dann Antonio Carrozzo treffe und er sagt: „Guten Tag, mein Name ist Antonio Carrozzo, ich komme aus Paderborn, aber mit Ihren Turnschuhen dürfen sie hier nicht rein." Und dann würde ich auch mal klein beigeben, denn wenn alle sich für den Himmel schön machen, möchte man auch nicht wieder das Gesamtbild stören.

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