Ungewöhnlich: Fast nahtlos gehen die im Fließtext verfassten Rezepte und die Stadtgeschichten ineinander über. - © Holger Kosbab
Ungewöhnlich: Fast nahtlos gehen die im Fließtext verfassten Rezepte und die Stadtgeschichten ineinander über. | © Holger Kosbab

Paderborn Harald Lembkes Kochbuch ist auch ein Paderborner Stadtführer

Harald Lembke dokumentiert und kommentiert in seinem neuesten Band Veränderungen im Paderborner Stadtbild. Dazu serviert er 38 neue Rezepte

Birger Berbüsse

Paderborn. Ein kulinarischer Rundgang durch eine kleine Großstadt - so lautet der Untertitel von Harald Lembkes "Paderborner Herdgeschichten No. 3". Und der Name ist Programm: Der 70-Jährige verbindet in seinem jüngst erschienenen Buch wie in den beiden Vorgänger-Werken Geschichten aus der Stadt mit ausnahmslos selbst entwickelten Rezepten. Dabei spart er auch nicht mit Kritik an Paderborn, die teilweise ziemlich gepfeffert daher kommt. Anders als in den ersten Bänden war es nicht mehr sein Anliegen, Vergangenes vor dem Vergessen zu bewahren, beschreibt Harald Lembke im Gespräch mit der NW sein Anliegen. Vielmehr wolle er jetzt aktuelle Veränderungen im Stadtbild beleuchten und in Frage stellen. "Es geht mir nicht darum, meine Heimatstadt schlecht zu machen. Aber es gefällt mir auch nicht, wenn alles schöngeredet wird", sagt Lembke. Das wird auf den 109 Seiten auch recht deutlich. Kritik an den vielen Baustellen Über die künftigen neuen Königsplätze schreibt der Autor: "Man darf durchaus skeptisch sein, ob es anschließend eine Verschönerung darstellt." Was die Unterbringung der Stadtverwaltung am Hoppenhof angeht, hat Lembke so seine Bedenken bezüglich der Bauqualität des Gebäudes und der vermeintlichen Preisspielereien des Investors: "Hat man sich da eventuell über den Tisch ziehen lassen?" fragt er. Besonders häufig kritisiert der Paderborner die vielen Baustellen, "die einen mitunter zur Verzweiflung bringen könnten: "Wenn das alles fertig ist, hat die Stadt sich für die Geduld ihrer Bürger zu bedanken." Doch bei aller "wohlwollend gemeinten" Kritik - der größte Teil der Bilder und Geschichten verwendet Lembke auf das, was er an Paderborn schätzt und weitergeben möchte: Es sind kleine Liebeserklärungen an bekannte und weniger bekannte Orte im Stadtgebiet, verbunden mit Anekdoten und der Hoffnung, dass diese Orte erhalten bleiben mögen. Vom gefüllten Stubenküken bis zum Frühlingsteller Immer im Wechsel präsentiert der ehemalige Lehrer, der fast zwei Jahre lang regelmäßig Gerichte im Paderborner Lokalteil der NW serviert hat, seine neuesten kulinarischen Kreationen: Die 38 illustrierten Rezepte reichen von gefülltem Stubenküken und Hase im Kohlmantel über einen Paderborner Frühlingsteller bis hin zum Austernragout und Pulled Beef auf Lembke-Art. Die Struktur des Buches ist dabei durchaus gewöhnungsbedürftig. Fast nahtlos gehen Stadtgeschichten und die im Fließtext verfassten Rezepte ineinander über, was ein wenig zu Lasten der Übersichtlichkeit geht, gerade wenn man die Gerichte nachkochen möchte. "Chaotisch und unorthodox" Doch der Autor gibt sogar selbst zu, dass die Zusammenstellung des Inhalts "chaotisch und unorthodox" geraten ist. Auf einen roten Faden und die erwartete Ordnung eines klassischen Kochbuchs hat Lembke aber sogar bewusst verzichtet, damit auch wirklich alle Seiten seiner dritten "Herdgeschichten" gelesen werden. Die enthalten sogar eine unterschwellige Botschaft: "Ich möchte anderen Menschen Mut machen, dass man auch mit einer Krankheit noch viel erreichen kann", sagt der 70-Jährige, der schwerbehindert ist. Weil sich seine körperlichen Einschränkungen altersbedingt verschlechtert hätten, sei ihm das Sammeln der Bildansichten deutlich schwerer gefallen. Doch durch den Wechsel auf eine leichtere Kamera und mit Hilfe seines Dreirads mit E-Motor-Unterstützung habe er es geschafft. "Geht doch, gut so!" bilanziert Lembke dazu im Vorwort. Die nächsten Projekte hat er übrigens schon im Blick: Neue Herdgeschichten seien ebenso geplant wie ein Bildband über seine zweite Heimat Ile d'Oléron in Frankreich.

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