Die Sennebahn bei ihrem Halt in Schloß Holte. - © Sigurd Gringel
Die Sennebahn bei ihrem Halt in Schloß Holte. | © Sigurd Gringel

Paderborn 30 Jahre Sennebahn: Vom Sorgenkind zur Lebensader

Heute fahren täglich auf der Strecke zwischen Paderborn und Bielefeld 6.000 Fahrgäste

Paderborn. Viel wird derzeit über die Sennebahn zwischen Paderborn und Bielefeld geschrieben. Ein streckenweise zweites Gleis für mehr Züge, Elektrifizierung oder der fehlende Halbstundentakt in Schloß Neuhaus und Sennelager sorgen dabei für Schlagzeilen. Fast alle politischen Parteien, wenn auch mit unterschiedlichen Schwerpunkten, stehen hinter der Sennebahn. Doch vor 30 Jahren wurde sie von vielen Seiten eher stiefmüttlerlich behandelt: Zu teuer, zu wenig Fahrgäste und keine Perspektive lauteten die Schlagworte. „Fast wäre sie für den Personenverkehr stillgelegt worden", erinnern sich die Heimatfreunde Jost Wedekin (Schloß Neuhaus) und Rainer Wester (Salzkotten). Beide kramten in ihren ganz persönlichen Archiven und förderten viele interessante Details über die Geschichte der Sennebahn zutage. 35 Todesopfer in den 70er Jahren Ein großes Boulevardblatt sprach im April 1979 über die Sennebahn zwischen Paderborn und Bielefeld von „Deutschlands gefürchtetster Bahnlinie". Gerade erst war ein Schüler ums Leben gekommen, als er in Schloss Holte eine Schranke missachtete. Eines von 35 Todesopfern allein in den 1970er Jahren. Der makabre Name „Kopf-ab-Strecke" machte bundesweit die Runde und an einigen der 51 Bahnübergänge hingen Blechschilder mit aufgemalten Totenköpfen. Neben der hohen Unfallquote dominierte damals die Gemütlichkeit. Oft zuckelte eine Diesellok mit nur einem Waggon am Haken durch die Senne, Reisende verweilten auf roten Kunstledersitzen. Einige Bahnhöfe boten noch „personenbedienten Fahrkartenverkauf", den Fahrgast trennte vom Bahnpersonal lediglich ein vergilbtes Sprechfenster. Selbst wenn auch heute noch nicht alles perfekt ist, die Strecke holte in drei Jahrzehnten mächtig auf. Weit über 6.000 Reisende sind derzeit täglich unterwegs, 1987 waren es gerade noch 609 Personen gewesen. Schon vor über 30 Jahren sprachen Abgeordnete aus Bundes- und Landtag gerne von einer wichtigen Verbindung zwischen zwei Oberzentren, selbst wenn die Bahn weit mehr als eine Stunde brauchte, um diese zu verbinden. Die Bahn konterte die Wichtigkeit 1987 mit dem Wort „Schwachlaststrecke" und rechnete vor, dass reiner Busverkehr 90 Prozent billiger wäre. Ihr Stilllegungswunsch lag bereits beim NRW-Verkehrsministerium. Die Staatsbahn selbst hatte dem Abwärtstrend nicht mehr viel entgegen zu setzen und versuchte allenfalls noch, Personal zu sparen. So verschwand im Sommer gleichen Jahres Paderborns letzter Schrankenwärter vom „Posten 3" an der Driburger Straße. Immerhin, das Land NRW sorgte 1988 mit einer „Rahmenvereinbarung zur Angebotsverbesserung" dafür, dass die Stilllegungsbemühungen der Bahn auf Eis lagen. Ein Jahr später wäre der Personenverkehr vermutlich Geschichte gewesen. Einführung des Stundentakts Den ersten Durchbruch verzeichnete die Sennebahn nach Einführung des Stundentaktes im Jahr 1993 mit 220 Fahrgästen mehr am Tag. Ein Jahr später stiegen bereits 1.164 Reisende täglich in die Züge, neue Triebwagen folgten. Auch wenn der im Jahr 2000 über eine Machbarkeitsstudie für 2003 groß angekündigte Haltepunkt am Paderborner Rosentor nicht zustande kam, das Interesse an der Bahn stieg weiter. Am „Uni-Bahnhof" Kasseler Tor sorgte das Semesterticket für Zulauf, die Studierenden waren über die Netzkarte wieder auf den Bahn-Geschmack gekommen. Mit der Nordwestbahn als neuen Betreiber hielten 2003 ein paar „technische Raffinessen" Einzug, von denen sich einige aber ebenso zügig wieder überholten. So hinkten die Steckdosen im Zug dem Zeitgeist schnell aufgrund der besser werdenden Laptop-Akkus hinterher. Die kleinen Radiogeräte zwischen den Sitzen, die zum Komfort im Auto aufschließen sollten, machte der Siegeszug der Smartphones entbehrlich. Mit seinem Gegenüber in der Bahn ein Gespräch anzufangen, ist nach dem Einzug der multimedialen Welt deutlich schwieriger geworden. Viele – zumeist jüngere Reisende – schauen die Fahrt über nicht aus dem Fenster sondern auf ihr Telefon. Doch Neuerungen haben auch Vorteile. Statt der früher genuschelten Lokführer-Durchsage informiert nun eine Tonbandstimme in exzellentem Hochdeutsch alle Fahrgäste über die zu erwartenden Zughalte. In Erinnerung bleibt dabei das übertrieben sauber ausgesprochene „v" von Hövelhof und Hövelriege. Jost Wedekin und Rainer Wester sind sich sicher, dass die Sennebahn auch zukünftig Bestandteil der regionalen Bahngeschichte bleibt und es mit den Fahrgastzahlen weiter nach oben geht. Sie freut es, dass eine mögliche Elektrifizierung zumindest schon mal in der Diskussion ist.

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