Gängige Praxis: Konventionelle Landwirte fahren mit einer Pestizidspritze über die Felder. Bei Wind können Gifttropfen auch auf benachbarte Böden wehen. - © dpa
Gängige Praxis: Konventionelle Landwirte fahren mit einer Pestizidspritze über die Felder. Bei Wind können Gifttropfen auch auf benachbarte Böden wehen. | © dpa

Lichtenau/Hamm Giftiger Pflanzenschutz: Biobauer klagt gegen konventionelle Nachbarn

Pflanzenschutzmittel: Klagender Biobauer fordert auch in zweiter Instanz Schadensersatz von benachbarten Landwirten. Das OLG Hamm vertagt die Verhandlung und will womöglicheinen weiteren Gutachter hören.

Andrea Frühauf

Lichtenau/Hamm. Solche Streitfälle gibt es laut Landwirtschaftskammer NRW sehr selten – auch weil die Beweisführung schwierig sei: Der Biolandwirt Hartmut Böhner aus Lichtenau hat benachbarte konventionelle Landwirte verklagt, weil angeblich Tropfen von deren verwendeten giftigen Pflanzenschutzmitteln auf seine Felder geweht wurden. Damit sei seine gesamte Ernte auf mehreren Feldern (Staudensellerie, Grünkohl, Fenchel) als Bioware unverkäuflich geworden. Vor dem Landgericht Paderborn ist der Biobauer in erster Instanz mit seiner Klage gescheitert. Das Gericht hat seine Klage im März 2016 abgewiesen, weil es nicht davon überzeugt war, dass die in den Produkten des Klägers festgestellten Pestizid-Rückstände tatsächlich von den beklagten Nachbarn verursacht worden seien, obwohl die das Pflanzenschutzmittel „Malibu" nach eigenen Angaben eingesetzt hatten. Malibu ist ein hochwirksames Getreideherbizid gegen Unkraut, das auch Pendimethalin enthält. Bereits im Oktober 2013 wiesen untersuchte Proben von Böhners Staudensellerie eine Konzentration von Pendimethalin auf, die über dem zulässigen Höchstwert lag. Böhner vertritt deshalb die Ansicht, dass das Spritzen der benachbarten Landwirte nicht sachgerecht bei Wind ausgeführt wurde und die Abdrift von Giften seine landwirtschaftlichen Flächen belasteten. Rund 100.000 Euro Schadensersatz hatte er vor dem Landgericht Paderborn gefordert. Kläger beschränkt sich auf drei Felder Vor dem Oberlandesgericht (OLG) Hamm, das den Fall am Dienstag nach Böhners Berufung verhandelte, beschränkte sich der Kläger auf lediglich drei betroffene Felder, weil es hierfür per Gutachter eine „nachweisbare Kausalkette" gebe: Spritzmittelfund, drei Nachbarn, die das Gift einsetzten, und die Windrichtung, mit der die Tropfen auf diese Felder geweht wurden. Doch auch das OLG tat sich offenkundig mit der Beweisführung schwer. Nach fast dreistündiger Verhandlung wurde der Rechtsstreit ohne Ergebnis vertagt. Das Gericht will nun klären, ob ein zweiter Gutachter beauftragt werden soll. Außerdem will es den Parteien voraussichtlich einen Vergleichsvorschlag unterbreiten, wie es am Ende der Verhandlung hieß. In der Verhandlung bezifferte der Richter den Streitwert auf rund 60.000 Euro. „Bei einem Vergleich bekomme ich nur einen Bruchteil der Schadenssumme", sagt Böhner der Neuen Westfälischen. Trotzdem  würde er sich lieber auf einen Vergleich einlassen, als schlimmstenfalls leer auszugehen. Auch die Gegenseite zeigt sich nach seinen Worten gesprächsbereit für einen Vergleich, da alle bei demselben Versicherer versichert seien. Woher kommt der Wirkstoff? Auch in zweiter Instanz konnte nach Ansicht des Richters nicht abschließend geklärt werden, ob tatsächlich die drei Nachbarn für die Belastung verantwortlich sind. Theoretisch könne der Wirkstoff auch durch Winde von weiter entfernten Feldern auf seinen Acker gelangt sein. Das Gericht will bis zum 30. November bekanntgeben, wie es weiter verfahren will. Böhner verwundert es, dass das OLG die sonst gängige Beweisführung eines Gutachters in Frage stellt und als nicht ausreichend ansehe. „Wir sollen jetzt recherchieren, was die Nachbarn im weiteren Umfeld gemacht haben." Sprich, ob sie zu dem Zeitpunkt auch besagtes Giftmittel einsetzten. Das Gericht habe aber offengelassen, welcher Radius gemeint sei. „Das ist ein fast unlösbarer Auftrag", sagt er frustriert. Böhner befürchtet, dass betroffene Landwirte künftig in solchen Fällen nachweisen müssen, dass ihr Bestand keinen Vorschaden hatte. „Das ist ganz schwer zu beweisen." Damit müssten alle Landwirte ihre Bestände täglich beproben. Der Biolandwirt Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf, der Unkraut erfolgreich nur mit technischem Gerät zu Leibe rückt, betont: „Wer mit Gift handelt, muss besondere Vorsicht walten lassen." Gift dürfe nur ohne Wind gespritzt werden.

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